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Ausgezeichnetes Engagement

Verena Stamm 0 Afrika Burundi Ehrenamt Globalisierung

Das Bundesverdienstkreuz wird an besonders engagierte Menschen verliehen. Eine von ihnen ist Verena Stamm. Für ihr ehrenamtliches Engagement in Burundi hat sie den Verdienstorden erhalten. Im Interview erzählt sie uns von ihrer jahrerlangen Arbeit mit Straßen-und Waisenkinder und warum ihr die Förderung von Mädchen besonders am Herzen liegt.

Das Bild zeigt eine afrikanische Schulklasse. Ein Junge lächelt in die Kamera und zeigt auf.
Die „Ecole Polyvalente Carolus Magnus“ (EPCM) öffnete zum Schuljahr 2006/2007 ihre Tore. Foto: burundikids e.V.

Der Verdienstorden wird an in- und ausländische Bürgerinnen und Bürger für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen verliehen. So theoretisch es klingt, so praktisch hat Verena Stamm es umgesetzt. Die gebürtige Deutsche wurde am 9. November 2017 für ihren jahrelangen und ehrenamtlichen Einsatz für Straßen-und Waisenkinder in Burundi mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Verena Stamm ist die Gründerin der Fondation Stamm, eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die in Burundi seit dem Jahr 2000 aktiv ist. Der Verein burundikids e.V. ist der deutsche Partner der Fondation Stamm. Mehrere Kooperationsprojekte der beiden Vereine wurden von Engagement Global gefördert; aktuell ist es ein Landwirtschaftsprojekt, gefördert über bengo.

Engagement Global: Sie leben bereits seit 1972 in Burundi. Was fasziniert Sie an diesem Land?

Verena Stamm: Mein Mann, ein Burundier, hat dank eines Stipendiums in Deutschland Chemie studiert. Wir lernten uns während meiner Krankenschwesterausbildung kennen, und heirateten. Für ihn war es immer ein Wunsch, nach dem Studium zurück nach Burundi zu gehen, und ich war von Anfang an bereit, mit ihm zu gehen. Das Land faszinierte mich sofort, Landschaft und Menschen. Besonders das damalige Solidaritätsdenken und -handeln in den großen Familien, was heute leider größtenteils verlorengegangen ist. Leider kamen wir nach einem schlimmen Bürgerkrieg an, und die Lage war Ende 1972 noch sehr angespannt.

EG: Sie haben auch während des Bürgerkrieges von 1993 bis 2005 dort gelebt. Wie haben Sie den Krieg erlebt?

VS: Der Ausbruch des zweiten schlimmen Bürgerkriegs in Burundi wurde durch die Ermordung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten verursacht. Wir wurden mitten in der Nacht durch Granateinschläge und heftige Schusswechsel geweckt. Wir versuchten sofort, Freunde und Familie anzurufen, aber die Leitungen waren schon alle gekappt. Wir wussten gar nicht, was los war. Erst am frühen Morgen hörten wir über den französischen Radiosender RFI, dass der burundische Präsident und viele Regierungsmitglieder getötet wurden.

Tagelang konnten wir danach nicht aus unserem Haus, überall war die Armee präsent und die Lage sichtlich extrem angespannt. Der nicht gelungene oder zu Ende geführte Staatstreich hatte dann ein schlimmes Morden unter Hutu und Tutsi ausgelöst, das bereits in dieser Nacht begann. Die Parteimitglieder des im Oktober ermordeten Präsidenten waren seit der Wahlkampagne Mitte des Jahres 1993 offenbar schon auf diese Eventualität vorbereitet gewesen, wie man sagte. In weiten Teilen des Landes wurden die Menschen grausam getötet, ihre Häuser verbrannt, das Vieh gestohlen, sogar Schulkinder ermordet. Es schien alles kein Ende zu nehmen und zog sich immer länger über mehrere Jahre hin. In der Hauptstadt Bujumbura gingen die Jugendlichen aufeinander los, Hutu gegen Tutsi, mit Handgranaten und Macheten. Ganze Viertel wurden zerstört. Es waren häufig Racheakte für Massaker, die auf dem Land passiert waren. Aufgrund der Länge dieses Kriegs wurde das ganze Land quasi lahmgelegt. Nichts funktionierte mehr.

Im Juli 1996 führte die Armee einen erneuten Staatstreich durch, der zwar Bujumbura etwas zur Ruhe brachte, dafür aber die Rebellengruppen, die sich zwischenzeitlich gebildet hatten, umso aktiver werden ließ. Das Morden auf dem Land nahm noch mehr zu. Gleich nach dem Staatstreich wurde ein Embargo der Internationalen Gemeinschaft gegen Burundi dekretiert. Ich war zur dieser Zeit kurz in Deutschland zu Besuch, und konnte nicht mehr nach Bujumbura zurück. Alle Flüge wurden gestrichen. Ich musste in Kigali, Ruandas Hauptstadt, landen und dann mit dem Auto nach Bujumbura fahren. Die burundische Regierung versuchte, das Embargo zu umgehen, indem sie Waren über den Umweg über Südafrika importierten und auf gleichem Wege auch den Kaffee aus Burundi exportierten. Fluggesellschaften wurden gegründet mit alten Maschinen, die nicht auf internationalen Flughäfen landen durften. Einmal flog ich mit einer „Tanganyika Airlines“, die nur in Charleroi (Belgien) landen durfte.

Während dieser Zeit wurden die Friedensverhandlungen in Arusha, Tanzania, geführt, zuerst mit Nelson Mandela und dem tansanischen Präsidenten Julius Nyerere. Durch das Embargo stiegen gleichzeitig die Preise für alle Güter und es war natürlich in erster Linie die verarmte Bevölkerung, die darunter leiden musste. Die Rebellengruppen wurden immer stärker und drängten natürlich in Richtung der Hauptstadt, sodass der damalige burundische Präsident die Familien in den Bergen um Bujumbura herum zwang, ihre Höfe zu verlassen. Sie wurden in Lagern für Binnenflüchtlinge untergebracht. Dadurch wollte die Armee den Rebellen die Möglichkeit für Angriffe nehmen und somit auch die Möglichkeit der Versorgung durch die ansässigen Familien unterbinden. Was bemerkenswert und offensichtlich war: In den Lagern waren nur Frauen und Kinder.

EG: Was war der Auslöser für Ihr Engagement?

VS: Genau diese Lager waren der Auslöser meines Engagements. Viele Burundier waren empört, dass die rurale Bevölkerung so behandelt wurde. Ich beschloss mit einigen burundischen Frauen diese Lager zu besuchen, um zu sehen, wie man dort helfen könnte. Die Frauen und Kinder lebten unter absolut menschenunwürdigen, unvorstellbaren Bedingungen. Sie kamen sofort auf uns zu und baten uns um Nahrung und Saatgut. Die Felder um die Lager herum durften sie nämlich bestellen.

Ich bin daraufhin zur FAO (Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen) gegangen und bat sie um Saatgut und landwirtschaftliches Gerät wie Hacken etc. Dort erklärte man mir, dass die FAO zwar über entsprechende Mittel verfüge, ich aber als Privatperson keine Unterstützung bekommen könnte. Das war die Geburtsstunde der Fondation Stamm als lokale burundische Nichtregierungsorganisation. Daraufhin war es möglich, über die FAO Saatgut etc. zu bekommen, welches wir anschließend unter den Frauen in den Lagern verteilten. Darüber hinaus bekam ich sehr große Mengen an Nahrungsmitteln vom Internationalen Roten Kreuz. Bei einer Verteilung baten mich viele Frauen, Waisenkinder aufzunehmen, die im Lager zu verwahrlosen drohten.

So kam es, dass ich das erste Waisenheim gründete. Aufgrund der Situation der Menschen war außerdem eine unglaubliche Zunahme von Straßenkindern zu beobachten, sodass ich ein zweites Heim eröffnete. Dabei stellte ich schnell fest, dass sehr viele Kinder aufgrund des Krieges schon lange nicht mehr die Schule besucht hatten. Aus dieser dringlichen Notwendigkeit wuchs der Wunsch, eine Schule zu bauen. Mit Hilfe von burundikids e.V. und Human Help Network e.V., die sich zwischenzeitlich als Unterstützer an die Seite der Fondation Stamm gestellt hatten, wurde dieses Vorhaben auch möglich. Angefangen zu bauen haben wir noch während des Bürgerkriegs in 2004. Die erste Schule, die „Ecole Polyvalente Carolus Magnus“ (EPCM), öffnete zum Schuljahr 2006/2007 ihre Tore. Heute besuchen die Schule knapp 1.000 Kinder, Mädchen und Jungen aus einem vorwiegend ländlichen und armen Gebiet. Weitere Schulen konnten wir später auf dem Land bauen und betreiben, zum Beispiel im Norden in Ngozi, und in der Landesmitte in Gitega.

EG: Welche Zielsetzung hat Ihre Stiftung? Was ist Ihre persönliche Zielsetzung dabei?

VS: Unsere Ziele konzentrieren sich in erster Linie auf Bildung in Schule und Beruf, auf die Gesundheitsversorgung der ärmsten Bevölkerung sowie auf die elementaren Menschrechte – Kinder- und Frauenrechte inbegriffen. Besonders letzteres ist ein Thema, welches seit den Unruhen im April 2015 wieder sehr akut ist.

Hierbei geht es schwerpunktmäßig um die Rechte der Mädchen und Frauen. Darüber hinaus ist Umweltschutz ein bedeutendes Thema unserer Arbeit. Es betrifft in erster Linie den Einsatz gegen die Bodenerosion und gegen das Abholzen des bereits sehr mageren Baumbestands in Burundi sowie den Schutz von Wasserressourcen und deren Nutzung. Im Norden des Landes betreiben wir eine Schule, die sich explizit mit dieser Thematik beschäftigt.

Ein weiteres Thema sind struktureller Wiederaufbau und Entwicklung, vor allem des ruralen Umfelds. Mit Finanzierung des BMZ arbeiten wir gerade daran, Kooperativen auf- und auszubauen. Ziele sind Ernährungssicherung, effektivere Landwirtschaft und die Erschließung neuer Handelswege und -möglichkeiten.

Unsere oberste Zielsetzung ist es, Jugendlichen durch eine qualitativ gute Schul-, Hochschul- und Berufsausbildung neue Perspektiven für eine selbständige Zukunft zu ermöglichen und auch Arbeitsplätze zu schaffen. Die Förderung von Mädchen hat dabei eine Priorität. Dafür sind gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrerund gute Praktikumsplätze wichtig. Mit unseren Schulen versuchen wir, genau das zu erreichen. Die Weiterbildung für Lehrkräfte ist ein wichtiges Thema. Meine wichtigste persönliche Zielsetzung liegt im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit der vielen Jugendlichen in Burundi. Es vergeht nicht ein Tag, an dem mich nicht viele junge Arbeitslose mit einfachen Ausbildungen, aber auch viele mit Universitätsdiplomen, wegen Arbeit ansprechen. Viele von ihnen sind schon jahrelang arbeitslos. Ich möchte dazu beitragen, dass diese jungen Menschen, die ja immerhin mehr als 60% der Bevölkerung ausmachen, eine Lebensperspektive haben.

Deutschland hat den „Marschallplan für Afrika“ vorgeschlagen, den ich prinzipiell gut finde. In Punkt 3 dieses Plans geht es um die Jugend in Afrika, Schaffung von Arbeitsplätzen durch Industrialisierung und Privathandel. Afrika im Allgemeinen und Burundi im Speziellen haben unglaublich viele Bodenschätze, die dafür sehr hilfreich wären. Burundi ist trotz seiner geringen Größe und geografischen Binnenlage ein Land mit vielen Entwicklungschancen. Die Frage, die sich in vielen afrikanischen Ländern und bei vielen internationalen Partnerstaaten – und bei international tätigen Konzernen – gleichzeitig stellt, ist die nach Ehrlichkeit und nach den primären eigenen Interessen.

EG: Ihre Projekte wurden sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell von Engagement Global gefördert. Was konnten Sie mit dieser Förderung umsetzen?

VS: Dank der Förderungen von Engagement Global, bengo bzw. des BMZ konnten wir bereits mehrere Projekte umsetzen. Zu nennen wäre beispielsweise der Ausbau der Gynäkologie unseres Krankenhauses „Centre Médical Hippocrate“ (CMH) außerhalb der Hauptstadt zusammen mit burundikids e.V., um die Mütter- und Kindersterblichkeit zu reduzieren. Wir beteiligen uns zusammen mit unserem Partner burundikids Schweiz an der Initiative für kostenlose Vorsorge und Behandlung schwangerer Frauen. Dazu gehören auch die Aidsvorsorge für Schwangere und die Betreuung von Mädchen mit ungewollter Schwangerschaft.

Auch der Ausbau unserer Schule EPCM mit 1.000 Schülerinnen und Schülern wurde mit Engagement Global umgesetzt. Diese Schule hat die Lernbedingungen für Kinder und Jugendliche extrem verbessert. Sie kommen zum Teil aus unseren sozialen Einrichtungen und waren ehemalige Kindersoldaten, zum anderen Teil stammen sie aus dem ruralen Umfeld der Hauptstadt Bujumbura. Die EPCM ist übrigens bis dato die einzige Schule in ganz Burundi, die u.a. pharmazeutisch-technische Assistentinnen und -Assistenten (PTA) ausbildet.

Aktuell kooperieren wir mit Engagement Global bei einem Landwirtschaftsprojekt in Verbindung mit dem Aufbau eines Spar- und Kreditprogramms für Kooperativen. Das Projekt findet in zwei Provinzen im Norden des Landes statt. Vor allem durch Schulungen, aber auch durch den Zugang zu besserem Saatgut möchten wir hierbei einen Beitrag zur Ernährungssicherung leisten. Die Zusammenschlüsse der einzelnen landwirtschaftlichen Gruppen, die übrigens häufig von Frauen geleitet werden, sollen die Finanzkraft der Bauern verbessern und die landwirtschaftliche Produktion steigern. Auf anderer Ebene kooperieren wir mit Engagement Global beim Transport von Gütern von Deutschland nach Burundi, beispielsweise wenn wir ein Labor oder oder Werkstätten für Ausbildungen einrichten

EG: Heute betreut die Fondation zahlreiche Projekte im gesamten Land, unter anderem ermöglichen Sie Kindern eine fundierte Schul- und Berufsausbildung. Wie hat sich Ihre Arbeit über die Jahre entwickelt?

VS: Die Fondation Stamm begann ihre Aktivitäten in der Nothilfe für Flüchtlinge und humanitären Hilfe für Waisen und Straßenkinder. Mit der Zeit überlegt man natürlich, wie man von der humanitären Hilfe hin zur Entwicklung und Selbständigkeit kommen kann. Nach den Friedensgesprächen von Arusha und den entsprechenden Verträgen zwischen den Kriegsparteien trat mit der Übergangsregierung immer mehr Ruhe ein.

2005 wurde eine neue Regierung gewählt und im ganzen Land gab es wieder Hoffnung. Für mich war das der Zeitpunkt, von der reinen humanitären Hilfe wegzukommen, hin zur Entwicklung des Landes. Das war auch der Moment, als ich begonnen habe mich mit dem Aufbau von Schulen und Ausbildungszentren zu beschäftigen. Auch die Umwelt spielte eine große Rolle, denn man vergisst häufig, dass nicht nur politische Unruhen Burundi in seiner Entwicklung zurückwarfen, sondern auch immer wiederkehrende Naturkatastrophen. Das war insbesondere der Fall 2006 und 2007, als zuerst eine starke Trockenheit und das Jahr darauf eine starke Überschwemmung und sintflutartige Regenfälle Burundi heimsuchten und die Ernten zerstörten. Wieder mussten wir mit humanitärer Hilfe intervenieren.Damals in Kooperation mit der Deutschen Botschaft und mit Schulspeisungen im Norden des Landes, um den Schulabbruch vieler Tausend Kinder zu verhindern. Zeitgleich überlegten wir, wo man im landwirtschaftlichen Bereich ansetzen könnte, um junge Menschen zu befähigen, künftig mit solchen Klimaschwankungen umgehen zu können bzw. vorzusorgen. D

ie Idee mündete in einem Ausbildungsprojekt, das sich wiederum einerseits zu einer Schule für Umwelt- und Ressourcenschutz, andererseits zu einem Projekt für Kooperativen entwickelte. Im Bereich der Gesundheit schafften wir es, auch den Menschen mit sehr wenig Mitteln einen Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Die anfängliche Gesundheitsstation mit allgemeinmedizinischer Versorgung konnten wir ausbauen und weiterentwickeln. Zwischenzeitlich gibt es dort einen Operationssaal, eine Gynäkologie, eine Pädiatrie, ein Labor und eine eigene Apotheke.

Stark setzen wir uns auch gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein. Viele sehr junge Mädchen waren und sind Opfer ungewollter Schwangerschaften. Missbrauch geschah vor allem in den unruhigen Zeiten oft in der Schule, was häufig dazu führte, dass die Mädchen keinen anderen Ausweg mehr sahen, als das Landleben hinter sich zu lassen. Sie heuerten in der Hauptstadt als Kindermädchen an, wo sie wiederum dem männlichen Personal oder gar dem Hausherrn ausgeliefert waren. Wir haben für diese Mädchen eigens ein Zentrum eröffnet, wo sie sich regenerieren können, die Liebe zu ihren Kindern entwickeln und durch Schule oder Berufsausbildung wieder an einer eigenen Zukunft arbeiten. Seit den erneuten Unruhen im April 2015, als es heftige Zusammenstöße gegeben hatte zwischen Gegnern und Anhängern des Präsidenten, mussten wir leider immer wieder humanitäre Hilfe leisten. Vor allem Kinder und Jugendliche, die als Straßenkinder zwischen die Fronten geraten waren, waren auf Hilfe angewiesen.

Das Bild zeigt einige Mütter aus dem Zentrum.
Mutter-Kind-Heim und Ausbildungszentrum für Frauen. Foto: burundikids e.V.

EG: Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf für Ihre Stiftung in Burundi?

VS: Ich sehe sehr großen Handlungsbedarf in mehreren Bereichen: Erstens in der weiteren Unterstützung der Bildung der Kinder und Jugendlichen. Eine gute Schul- und Ausbildung von der Grundschule – oder sogar vom Kindergarten – angefangen, bis zu einem Berufsabschluss, bis zum Abitur oder gar Studium ist sehr wichtig, weil sie die Basis für jede Entwicklung ist. Eine gute Ausbildung bedeutet: ausreichend Schulmaterial, gut ausgebildete Lehrkräfte, gut ausgestattete Klassenräume. Dazu gehören auch Bibliotheken – bis heute eine Seltenheit in Burundi – und die Möglichkeit, allen Schülerinnen und Schülern von klein auf den Zugang zu Computern zu ermöglichen.

Zweitens ist die Ausbildung für Kinder und Jugendliche, die im tiefen Landesinneren leben, besonders wichtig, um Landflucht vorzubeugen und Perspektiven vor Ort zu schaffen. Kindern von Bauernfamilien fehlt oft nur wegen eines zu weiten Schulwegs die Möglichkeit, später eine qualifizierte Berufsausbildung zu absolvieren. Eine Möglichkeit, dem entgegen zu wirken ist, Internate zu bauen, wie wir es an unserer Schule im Norden des Landes gemacht haben. Der Andrang ist enorm!

Hinzu kommt der dringende Bedarf an guten Praktikumsmöglichkeiten. Die meisten Schülerinnen und Schüler verfügen über fachtheoretisches Wissen, haben aber keinerlei Erfahrung in der Praxis aufgrund fehlender Möglichkeiten. Da es zu wenig Industrie und Betriebe gibt, mit denen beispielsweise Ausbildungsverträge geschlossen werden könnten, sind wir bemüht, an unseren Berufsschulen selbst Praktikumsräume zu schaffen, die zu Kleinstbetrieben ausgebaut werden können.

Meines Erachtens wäre auch der Aufbau von polytechnischen Instituten wichtig, also weiterführende qualifizierende Einrichtungen, woran es in Burundi sehr mangelt. Das betrifft die unterschiedlichsten Fachbereiche wie Umwelt- und Ressourcenschutz, erneuerbare Energien, Pharmakologie, Metallverarbeitung und Elektromechatronik, Bauingenieurwesen, Tourismus – um nur wenige zu nennen. Der Aufbau solcher Ausbildungs- und Schulungszentren würde den Wunsch, im Ausland studieren zu wollen, deutlich reduzieren. Außerdem werden qualifizierte Fachkräfte nicht nur in Burundi, sondern auch in den ostafrikanischen Nachbarländern sehr benötigt.

Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit sind der Nährboden schlechthin für den heute so heftig diskutierten Migrationswunsch oder dafür, sich im schlimmsten Fall Rebellen oder Terrororganisationen anzuschließen. Kleinstbetriebe und mittelständische Betriebe sollten aufgebaut und gefördert werden. Besonders in den wachsenden Städten möchten wir jungen Schulabgängerinnen und -abgängern helfen, Betriebe zu gründen und aufzubauen. An Vorschlägen und Ideen der jungen Menschen mangelt es nicht, angefangen von Restaurants bis hin in den Modebereich, um mal etwas aus dem Kreativbereich zu nennen. Weitere wichtige Felder sind die Modernisierung der Landwirtschaft und der Bereich der alternativen Energie. Die Energieversorgung durch Solarenergie schafft viele neue Möglichkeiten und könnte viele Probleme lösen. Die Stromversorgung wird immer wichtiger, genauso wie der Zugang zum Internet.

EG: Was bedeutet Ihnen das Bundesverdienstkreuz?

VS: Für mich bedeutet das Bundesverdienstkreuz sehr, sehr viel. Es hat mich sehr überrascht, diese Auszeichnung zu bekommen. Außerdem war es eine zusätzliche sehr große Ehre, dass es mir während der Feier zum Gedenken an den Mauerfall vor vielen geladenen Gästen in der deutschen Botschaft überreicht wurde. Es ermutigt mich sehr, mich mit meinem Team weiter zu engagieren, sowohl für Burundi, als auch für die Verbindung Deutschlands zu Burundi. Schließlich habe ich hier vieles nur dank der Unterstützerinnen und Unterstützer und Freundinnen und Freunde in Deutschland erreicht.

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