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Deutschland ist vielfältig, und Pluralismus braucht Engagement

Mayte Schomburg 0 Eine Welt Einwanderung Globalisierung Internationale Wochen gegen Rassismus

Es reicht nicht mehr, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit grundsätzlich zu verurteilen.Was wir brauchen ist eine Debatte über Identität. In der politisch aufgeheizten Gegenwart, geprägt von Gruppierungen wie PEGIDA und einem Erstarken fremdenfeindlicher Tendenzen in ganz Europa, reicht es nicht mehr, Rassismus im Stillen zu verurteilen. Was wir brauchen ist ein lautstarkes Bekenntnis zu einer pluralistischen deutschen Gesellschaft in Europa, zu der Offenheit gegenüber Migranten genauso gehört, wie Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen. Dazu müssen wir auch in öffentlichen Räumen, in denen Meinungen aufeinanderprallen, Debatten darüber führen, was es heißt, „Deutscher“ zu sein.

Ein Fingerabdruck in schwarz, rot, gold

Vor knapp zwei Jahren lernte ich auf einer der vielen Veranstaltungen im politischen Berlin zwei Deutsche mit Migrationshintergrund kennen. Zu denen zähle ich mich irgendwie auch, obwohl ich als weiße Frau mit deutschen Eltern normalerweise nicht so benannt werden würde. Schnell deckten wir in unserem Gespräch auf, dass wir im Grunde „verkehrte Welt“ spielen: die beiden hatten ihr ganzes Leben in Deutschland gelebt, hier Abitur gemacht und studiert, einer von beiden ist seit Jugendtagen aktiv in einer politischen Partei engagiert. Ich, im Ausland geboren, habe knapp mein halbes Leben im Ausland verbracht, dort meinen Schulabschluss gemacht und studiert. Während ich in Deutschland jedoch immer selbstverständlich als „Deutsche“ angesehen werde, konnten sie von unzähligen Gegebenheiten berichten, in denen sie – auch von Repräsentanten des Staates – als „Nicht-Deutsche“ behandelt wurden. Der Grund: Ihre Eltern bzw. Großeltern sind aus nicht-europäischen Ländern eingewandert. Ihnen sieht man das vermeintliche „Nicht-Deutschsein“ (oder was man dafür hält) an der Hautfarbe an, mir nicht. 

Jedem Rassismus liegt Schubladendenken zu Grunde. Vorurteile sind nichts anderes als die Zuschreibung bestimmter Charakteristika von außen. Sie beschreiben das „Fremde“, das man nicht kennt. Die gute Nachricht: Eine Gesellschaft kann Vorurteilen durch Aufklärung entgegentreten. Die schlechte Nachricht: Vorurteile sind weit verbreitet und allzu oft gekoppelt an ein Vertrauensdefizit, aus dem sich der so vorurteilsbeladene erst einmal wieder ausgraben muss. Dies kann er allein kaum schaffen. Unsere von Rassismus betroffenen Mitmenschen sind auf die Hilfe von jenen angewiesen, die von unserer Mehrheitsgesellschaft nicht als fremd benannt werden. Nur gemeinsam können wir den Konsens verändern.

Ich erinnere mich an meine eigene Auseinandersetzung mit Vorurteilen während meiner Auslandsaufenthalte in den 90er Jahren. Als Jugendliche im englischsprachigen Ausland wurde ich oft mit Vorurteilen gegenüber Deutschen konfrontiert. Ob ich mich selbst als Deutsche fühlte war da zunächst einmal egal. „Two World Wars and one World Cup“ („Zwei Weltkriege und eine Weltmeisterschaft“) war eine beliebte „Begrüßung“ auf der Schule, auf der ich Ende der 90er Jahre in England meinen Abschluss machte. Als ich einen Freund zu Hause besuchte, wurde ich von seinem Vater mit dem Hitlergruß begrüßt – „aus Spaß“. Mein Bruder wurde einige Jahre früher gar als Sohn vermeintlicher Nazi-Spione beschimpft. „Deutsche“ standen für alles, was schlecht ist auf dieser Welt.

Diese isolierten Erfahrungen sind natürlich keinesfalls vergleichbar mit der Fremdenfeindlichkeit, mit denen etwa in Deutschland (und anderen europäischen Staaten) lebende Bürger mit Migrationshintergrund, Einwanderer und asylsuchende Flüchtlinge konfrontiert werden. Doch sie haben mir als weißem Mädchen aus der Mittelschicht damals gezeigt, wie hilflos man sich angesichts solcher Zuschreibungen von außen fühlen kann, und wie schwer es ist, solchen Vorurteilen zu entkommen – selbst, wenn tagtägliche Berührungspunkte gegeben sind. Sie haben mir auch gezeigt, dass hinter Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit nicht immer ein böser Wille steht. Manchmal sind es „nur“ Ignoranz, Unwissenheit, und Angst. Was den Umgang damit für die mit Vorurteilen Konfrontierten natürlich nicht leichter macht.

Fakt ist: Identitäten sind vielschichtig – das trifft auf die persönliche Identität genauso zu wie auf die kollektive, gesellschaftliche. Die „deutsche“ Identität sollte einer solchen Vielschichtigkeit Raum bieten. Wer nun etwa fordert, dass alle Einwanderer zu Hause Deutsch sprechen sollten, der signalisiert ein klares „noch gehört Ihr nicht dazu“. Willkommenskultur sieht anders aus. 

Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind in Deutschland ein Problem und wir sollten uns mit aller Macht dagegen stemmen: Indem wir auf die Straße gehen, Artikel schreiben, an Bürgerinitiativen mitwirken, uns in Vereinen engagieren oder uns einfach gegen die tagtäglichen Auswirkungen der Fremdenfeindlichkeit wehren. Dazu gehört es, als Gesellschaft auch die eigenen Vorurteile zu erkennen. Ängste müssen erkannt und ernst genommen werden. Hierzu gehört auch eine verstärkte Auseinandersetzung von politischen Akteuren mit ihren Bürgern: sowohl mit denen, die (potenzielle) Opfer von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind als auch mit denen, die diese Ängste haben und rassistisches Gedankengut hegen. Ich würde mir jedoch wünschen, dass unsere Politiker eher den Schritt auf diejenigen zugehen, die unsere Gesellschaft vielfältiger und bunter machen wollen, als auf die, die diese Entwicklung mit Argwohn betrachten. Da wir derzeit auch beobachten können, dass die politische Rhetorik in Europa vermehrt für mehr Nationalismus und weniger Pluralismus plädiert, müssen wir uns lautstark zu einer offenen Gesellschaft bekennen.

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