• Globales Lernen

Differenziertes Ruanda-Bild durch eigene Erfahrungen und vielfältige Methoden

Rudolf Fischer 0 Bildung trifft Entwicklung

Der Referent von Bildung trifft Entwicklung, Rudolf Fischer, unterstützte eine Gruppe von 15 Schülerinnen und Schülern der Mannlich-Realschule Plus in Zweibrücken bei ihrer Vorbereitung auf einen Besuch in ihrer Partnerschule Centre Scolaire Vumbi in Ruanda. In mehreren Veranstaltungen bekamen die Jugendlichen Einblicke in seine persönlichen Erfahrungen, setzten sich mit verschiedenen Themen dazu auseinander und erarbeiteten ein differenziertes Bild von Ruanda. Hier teilen alle Beteiligten ihre Eindrücke.

Rudolf Fischer

Mädchen sitzen mit einem Laptop auf dem Boden.
Foto: Mannlich-Realschule Plus in Zweibrücken

Nachdem ich die 15 interessierten, aufgeschlossenen und bereits durch Aktionen in der Schule über Ruanda vorinformierten jungen Leute kennengelernt hatte, vereinbarte ich mit deren Lehrer Markus Priester drei Veranstaltungen jeweils donnerstags nach Unterrichtsende. In unterschiedlichen Formaten und mithilfe von Filmen, Bildern und meinen eigenen Veröffentlichungen erarbeiteten wir gemeinsam verschiedene Themen, die den Schülerinnen und Schülern einen mehrperspektivischen Blick auf das afrikanische Land eröffnen sollten.

Auf den Vorkenntnissen der Schüler aufbauend begann ich in einer ersten Veranstaltung damit, geographische, historische, soziale, regionale und globale Bedingungen der Entwicklung und Unterentwicklung des rheinland-pfälzischen Partnerlandes aufzuzeigen. Da ich mich seit 30 Jahren mit Ruanda beschäftige, ein Jahrzehnt dort gelebt und gearbeitet habe und letztes Jahr bei zwei Besuchen durchs Land gereist bin, konnte ich meinen Vortrag durch eigene Bilder mit vielen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungsberichten illustrieren. Viele Informationen aus dem Film „Kwibuka – ein afrikanischer Traum“, die Ruanda als Musterland für Entwicklung und Wachstum zeigen, wurden aufgegriffen und reflektiert. Bis zum Schluss hatte ich sehr aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer. In der anschließenden Diskussion hatten die Jugendlichen die Möglichkeit, Fragen zu meinen Erfahrungen sowie zu ihren eigenen Erwartungen und Wünschen für die geplante Reise zu stellen. Sie bestätigten, dass der Vortrag „ihre Sicht auf Ruanda verändert habe und ihnen Zusammenhänge klarer wurden“. Ihr Bild von Ruanda „sei viel differenzierter geworden“.

Im zweiten Termin setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Völkermord in Ruanda 1994 auseinander. Als Einstieg und Vorbereitung sensibilisierte der Film „Hotel Ruanda“ für das Thema. Im anschließenden Workshop stellte ich eine Verbindung zwischen der Tragödie mit dem sehr aktuellen Thema Flucht und Vertreibung her. In Kleingruppen arbeiteten die Jugendlichen an drei Lernstationen und präsentierten ihre Ergebnisse den anderen. Eine Gruppe verdeutlichte sich anhand des Afrika-Puzzles die Größenverhältnisse der afrikanischen Länder und näherte sich mit Lernkarten dem Ausmaß der Fluchtproblematik in Afrika an, das heute als „der Kontinent der Flüchtlingslager" gilt. In den anderen beiden Lernstationen wurde mit Karten, Fotos und Infotafeln zu den Flucht- und Vertreibungsbewegungen von Ruanda einerseits und zu Ruanda als Asylland für burundische und kongolesische Geflüchtete andererseits gearbeitet. Da ich vor, während und nach dem Völkermord in Ruanda gelebt und selbst zweimal das Land verlassen musste, konnte ich hier auf viele eigene Erfahrungen zurückgreifen. Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich vor allem für Zeugnisse und Denkmäler des Völkermordes, die sie bei der Reise in Ruanda besuchen wollten.

Da ich die ersten Jahre meines Aufenthaltes in Ruanda als pädagogischer Berater im Schulministerium bei der Umsetzung einer Schulreform mitgearbeitet habe, konnte ich in das nächste Thema „Entwicklung durch Bildung. Das ruandische Bildungswesen im Wandel“ besonders viele persönliche Eindrücke einbringen. In einer Präsentation zeigte ich die Entwicklung des Bildungswesens von den Missionsschulen und dem Schulsystem der Kolonialzeit über eine stärkere Berücksichtigung der Bedürfnisse der überwiegend ländlichen Bevölkerung nach der Unabhängigkeit bis hin zu einer modernen, zukunftsfähigen schulischen Ausbildung. Im Anschluss diskutierten wir über die Einordnung im aktuellen Bildungssystem der Partnerschule Centre Scolaire Vumbi im Süden des Landes, die ja Hauptziel der Reise ist und zu der die Mannlich-Realschule regelmäßigen Kontakt halt. Nicht zuletzt wünschten sich die Jugendlichen diesbezüglich auch Tipps für Verhaltensweisen und Formen der sprachlichen Verständigung in Ruanda und in der Schule.

Vorbereitung auf besondere und umfangreiche Weise

Cornelia Müller (Lehrerin der Mannlich-Realschule Plus in Zweibrücken)

Der ehemalige Leiter des Partnerschaftsbüros und pädagogischer Berater des Schulministeriums in Kigali, Herr Rudolf Fischer, unterstützte im September 2016 unsere Vorbereitungen für den Besuch bei unserer Partnerschule in Ruanda. Die Veranstaltungen wurden in drei Blöcke gegliedert und durch zwei Filme in Eigenregie ergänzt.

Herr Fischer hat uns auf unseren Besuch in Ruanda umfangreich und auf besondere Weise vorbereitet. Seine Veranstaltungen waren nicht nur auf das Vermitteln von reinen Informationen ausgelegt sondern ebenfalls auf das Weitergeben seiner umfangreichen persönlichen Erfahrungen. Seine Berichte waren dadurch lebendig, direkt und haben begeistert. Auch die zahlreichen mitgebrachten Materialien (wie z.B. das Afrika-Puzzle) leisteten einen Beitrag dazu, die Informationen anschaulich zu vermitteln. Filme und private Fotos waren sehr gewinnbringend.

Die Schülerinnen und Schüler waren verwundert über die aktuellen Flüchtlingsströme in Afrika. Im Vergleich zu Europa bewirkte dies eine Veränderung der Sicht auf unsere politische Situation. Ebenfalls verstand es Herr Fischer, historisches Verständnis aufzubauen, indem er durch Verknüpfungen den geschichtlichen Hintergrund anschaulich darstellte. Weiterhin wurden die Schülerinnen und Schüler durch die Ausführungen über das „Hassradio“ sensibilisiert darüber, welche Macht Medien besitzen und was sie alles anrichten können.

Besonders ergriffen und mitgenommen waren die Schülerinnen und Schüler von den persönlichen Erfahrungen des Referenten durch seinen Aufenthalt während des Genozids in Ruanda. Man hatte den Eindruck, man wäre selbst dabei gewesen, man konnte das Entsetzen spüren und bekam eine eindrucksvolle Vorstellung davon, was Zivilcourage bedeutet.

Chancen und Probleme eines „Vorzeigelandes“

Julia von Schrader, Hanna Agne, Lucie Kalsch, Marie Rothhaar (Schülerinnen der Mannlich-Realschule Plus in Zweibrücken)

In drei Veranstaltungen, die donnerstags an unserer Schule in Zweibrücken stattfanden, bekamen wir tiefe und spannende Eindrücke in die Tragödie, das Bildungswesen, die Chancen und Probleme des Landes Ruanda, welches im Herzen Afrikas liegt.

Herr Fischer zeigte uns am viele Bilder, die er selbst gemacht hat. Ruanda ist das Vorzeigeland in der Entwicklung. Wir vertieften unsere Kenntnisse über den sogenannten Bauboom in Kigali (Hauptstadt des Landes), die vielen Aktivitäten im Bereich erneuerbarer Energien, den Ausbau der IT-Branche und die Stellung der Frau. Frauen sind sehr präsent in der Politik und Wirtschaft des Landes.

Jedoch haben wir auch die negativen Seiten der Entwicklung angesprochen. Zum Beispiel die weit geöffnete Schere zwischen den Armen und den Reichen, die Einschränkung der Pressefreiheit und die Unterdrückung einer Opposition. All dies änderte unsere Sicht auf Ruanda.

Am nächsten Termin mit Herrn Fischer beschäftigten wir uns mit einem sehr berührenden und schockierenden Thema: dem Genozid in Ruanda. Es gab drei Lernstationen, die wir in Gruppen bearbeiten sollten und anschließend vorstellten. Wir erfuhren, dass viele Leute aus Ruanda in der Zeit von 1990-1996 auf der Flucht waren, dass viele Menschen heute Zuflucht in Ruanda suchen und wie viele und wie große Flüchtlingsströme in Afrika selbst in Bewegung sind. So haben wir begreifen können, dass Europa nicht am meisten von der „Flüchtlingskrise“ betroffen ist.

Unser Schwerpunkt lag jedoch auf der Flucht und Vertreibung der Leute aus Ruanda während des Genozids. Herr Fischer konnte uns spannende und ergreifende Eindrücke aus seiner eigenen Erfahrung und seinen direkten persönlichen Erlebnissen geben und dies anhand von Bildern verdeutlichen. Die Medien hatten zu dieser grausamen Zeit sehr viel Macht und der Rassismus war groß. Sehr beeindruckend war für uns auch, zu erfahren, welche Rolle die Propaganda im Rundfunk in der damaligen Situation gespielt hat und wie leicht es gewesen wäre, durch gezielte Einflussnahme, z.B. seitens der Vereinten Nationen, schon allein durch die Verhinderung dieser Hassbotschaften (etwa durch Störsender) Schlimmeres zu verhindern.

Das ruandische Bildungswesen haben wir im letzten Workshop besprochen. Seit 20 Jahren erlebt Ruanda einen starken Wandel im Bildungssystem. Vor allem Hoch- und Sekundarschulen wurden, beziehungsweise werden, gebaut. Auch in den ländlichen Gegenden geschieht dies. Somit hat sich auch die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchen können, stark nach oben hin verbessert. Computer sind ebenfalls in den Unterricht integriert. Ruanda hat eines der besten Handynetze auf der Welt und in den mittlerweile ca. 300 Autobussen in der Hauptstadt Kigali haben alle freies WLAN – man möchte, dass vor allem die jungen Menschen an der Entwicklung der digitalen Kommunikationsmittel teilhaben können. Die Kinder lernen Französisch und Englisch. Sogar für behinderte Kinder gibt es Schulen und Lehrkräfte und Integratives Lernen ist in Ruanda etwas ganz Normales.

Durch Herrn Fischer konnten wir sehr viele neue Eindrücke und Kenntnisse über Ruanda gewinnen. Dank ihm und seiner Vorträge und auf der Basis seiner persönlichen Erfahrungen und Tipps, fühlen wir uns bestens vorbereitet und freuen uns auf die Reise und die Erlebnisse, die wir dort haben werden und vor allem darauf, endlich selbst eigene Erfahrungen sammeln zu können.

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