Frauen und Mädchen – forscht!

Julia Rauh 0 Bildung Nachhaltigkeit Wissenschaft

Anlässlich des Internationalen Tages der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft spricht Julia Rauh von der Universität Potsdam über ihren Weg in die Forschung und darüber, wie sie mit ihrem Projekt „TTESD - Teacher Training for Education for Sustainable Development“ Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) langfristig und nachhaltig in das Geographielehramtsstudium an der Universität Potsdam implementiert hat.

Porträt von Julia Rauh vor einer Wand

1. Sie haben 2019 im Rahmen des Mentoring-Programms von ESD für Lehramtsstudierende des Faches Geographie ein Projekt aufgesetzt. Können Sie kurz die Zielsetzung dieses Projektes beschreiben und welche drei zentralen Ergebnisse / Learnings Sie daraus mitgenommen haben?

Das Projekt „TTESD - Teacher Training for Education for Sustainable Development“ hatte das Ziel, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zu stärken, indem wir sowohl BNE-Kompetenzen als auch BNE-Prinzipien des Lernens langfristig und nachhaltig in das Geographielehramtsstudium an der Universität Potsdam implementieren. Gemeinsam mit meiner Arbeitsgruppe der „Didaktik der Geographie“ implementierten wir für die Studienmodule in unserem Fachbereich eine neue Studienordnung, welche unsere Lehrveranstaltungen strukturell zum einen thematisch offener und zum anderen auch projektorientierter gestaltbar machen soll.

Ich selbst gestalte im Moment die Einführungsveranstaltung für die Erstsemesterstudierenden in der Didaktik. Ich blicke dort vor allem auf die geographischen Konzepte, welche einen Umgang mit komplexen Phänomenen – ganz im Sinne einer BNE - ermöglichen. Im Master zum Beispiel veränderten wir zwei thematisch bereits festgelegte Seminare zu zwei thematisch offenen und problemorientierten Projektseminaren, die durch Forschungsschwerpunkte der Lehrenden – BNE, ,Digitalisierung und bilingualer Geographieunterricht – geprägt werden können.

Aus diesem Prozess nehme ich die Erkenntnis mit, dass Wandel an einer Institution wie einer Hochschule viel Zeit braucht. Der Aushandlungsprozess bis zur Änderung war langwierig und das Inkrafttreten der entsprechenden neuen Ordnung dauert bis heute an. Ich habe also vor allem auch gelernt, geduldig zu sein und mich von Komplikationen und Interessenkonflikten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Zudem wurde mir auch klar, wie essentiell regelmäßige und klare Kommunikation in einem Prozess ist, welcher den Wandel an einer großen und komplexen Institution wie einer Universität vorantreiben soll.

2. Was ist das Forschungsziel ihres aktuellen Projektes?

Mein aktuelles Forschungsprojekt ist seit Oktober 2020 mein Dissertationsprojekt, welches sich im großen Bereich der Professionsforschung innerhalb der geographischen Bildung einordnen lässt. Durch meine bereits zweijährige Lehrtätigkeit in der Didaktik der Geographie und durch meine Unterrichtsbesuche bei unseren Studierenden im halbjährigen Schulpraktikum wurde ich auf zwei Aspekte aufmerksam: Ein spannender (Geographie-)Unterricht steht und fällt mit einer „guten“ Problemstellung. Das Finden (adäquater, komplexer und aktueller) unterrichtlicher Problemstellungen stellt jedoch eine Schwierigkeit für unsere Lehramtsstudierenden dar, wie sich in den anschließenden Reflexionsgesprächen herausstellte. Forschung existiert vor allem zu Problemlösekompetenzen auf der Seite der Schüler*innen. Noch nicht beforscht hingegen ist die Lehrer*innenseite und deren Strategien, ein entsprechendes unterrichtliches Problem zu finden. Deshalb ist das Ziel meines Projektes im ersten Schritt, die Strategien zur Findung unterrichtlicher Probleme von Geographielehrer*innen mittels Interviews zu erheben und im zweiten Schritt auf Grundlage dessen einen Leitfaden zu erstellen, welcher in der Hochschullehre in der Ausbildung zukünftiger Lehrer*innen Anwendung finden soll.

3. Was hat Ihnen als Wissenschaftlerin geholfen, „am Ball zu bleiben“ und eine akademische Karriere einzuschlagen?

Der Weg in die Wissenschaft war ein schleichender Prozess bei mir und kein Ziel, welches ich am Anfang meines Lehramtsstudiums vor Augen hatte. Ein Studium an sich war für ein Arbeiter*innenkind wie mich schon ein großes Privileg. Im Laufe des Studiums merkte ich jedoch schnell, dass mich vor allem die qualitative Forschung in der Humangeographie im Studium begeisterte und fokussierte mich auch in meinen Abschlussarbeiten darauf. Besonders die engmaschige und qualitativ hochwertige Betreuung durch meine Betreuerin half mir bei den ersten Schritten in die Wissenschaft. Mit dem Beginn meiner Tätigkeit als Akademische Mitarbeiterin in der „Didaktik der Geographie“ konnte ich erste Forschungsluft in der Geographiedidaktik schnuppern. Nach dem Besuch einiger nationaler und internationaler Konferenzen mit meinen Kolleg*innen, fasste ich den Entschluss, an der Universität zu bleiben und eine Promotion anzufangen. Auf dem Weg haben mir besonders meine Kolleg*innen geholfen, die mir immer auf Augenhöhe begegnet sind und mich in Diskussionen zu ihren Forschungsprojekten involvierten. Was mir besonders half „am Ball“ zu bleiben, waren die vielen und auch langen Reflexionsgespräche mit Freunden, Familie und Kolleg*innen. Besonders motivierend empfinde ich die „Hebelwirkung“, die ich sowohl in der universitären Lehre als auch in der Forschung spüre: Ich bin in der privilegierten Lage, durch Seminare angehende Lehrer*innen für zukünftige Herausforderungen in der (geographischen) Bildung zu sensibilisieren und ihnen gleichzeitig entsprechende Werkzeuge auf dem Weg zu zukunftsfähiger Bildung mitzugeben. Wichtig ist, dass man diese Position als Multiplikator*in ernst nimmt und auch die zukünftigen Lehrkräfte in Bezug auf die Rolle als Multiplikator*in sensibilisiert.

4. Was braucht es, damit mehr Mädchen sich für Forschung und wissenschaftliches Arbeiten – gerade auch im naturwissenschaftlichen Bereich – begeistern?

Meiner Meinung nach braucht es mehr Unterstützung von Seiten der Institutionen: Das sollte nicht erst an der Universität mit Mentoringprogrammen für Frauen beginnen, sondern idealerweise bereits in der Schule. Zukünftige Lehrer*innen sollten also bereits in der Ausbildung sensibilisiert werden für Genderstereotype und wie diese aufgebrochen werden können. Außerdem sollte in der Lehramtsausbildung stärker darauf fokussiert werden, wie Schüler*innen angeleitet werden können, selbst zu forschen. An der Universität selbst sollten Studierende mehr Unterstützung darin erfahren herauszufinden, wofür sie „brennen“. Den Platz als Einzelne*r an einer Universität zu finden und gleichzeitig herauszufinden, welche beruflichen Möglichkeiten das eigene Studium bietet und welche beruflichen Ziele man selbst vor Augen hat, stellt vor allem Studierende in den ersten Semestern vor große Herausforderungen. Es sollte mehr in strukturelle Hilfen wie Tutor*innenprogramme investiert werden, in denen Studierende andere Studierende unterstützen, sowohl in berufsbezogenen als auch fachlichen Fragen.

5. Wie kann eine entsprechende Berufswahl gefördert werden?

Einen Beruf im wissenschaftlichen Bereich zu wählen ist für Lehramtsstudierende aufgrund der strukturellen Bedingungen nicht so verlockend wie eine Verbeamtung, die am Ende des Referendariats im Land Brandenburg vor der Tür steht. Das Wissenschaftszeitgesetz, befristete Verträge und der Druck Drittmittel einzuwerben, um die eigene Stelle an der Universität zu finanzieren, nagen oft an der Leidenschaft und der Motivation, die man für die forschende Tätigkeit eigentlich aufbringt. Die Universitäten sollten langfristig in den Mittelbau investieren, da nicht jeder einen Aufstieg in eine Professur schafft oder anstrebt. Entfristete Stellen für wissenschaftliches Personal würden sowohl Lehre als auch Forschung an den Universitäten in ihrer Qualität verbessern und es würden sicherlich auch mehr Absolvent*innen eine wissenschaftliche Karriere anstreben.

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