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Hamburgs koloniales Erbe - Vergangen und Vergessen?

Jürgen Zimmerer 0 Afrika Hamburg Kolonialismus

Im Juli 2014 beschloss der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg als erste Regierung einer großen Kommune in Deutschland, die koloniale und postkoloniale Vergangenheit der Stadt in den offiziellen Kanon der Geschichte aufzunehmen, der - auch mit öffentlichen Mitteln - aufgearbeitet und erinnert werden sollte. Keine andere Stadt oder Bundesland, vom Bund und der Bundesregierung ganz zu schweigen, hatte sich bisher dieser Aufgabe gestellt. Zur historischen Grundlagenforschung wurde eine Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung" eingerichtet, mit deren Leitung man mich betraute.

Hamburg hat damit einen Weg bestritten, den ich für für ganz Deutschland und auch darüber hinaus für wegweisend halte, indem es beginnt, sich der Verantwortung zu stellen, die ihm als Deutschlands "Tor zu Welt" zukommt. Denn diese Welt, zu der die Hansestadt das Tor bildete, war in den letzten fünfhundert Jahren eine überwiegend koloniale: man handelte mit Kolonien, von Kolonialismus geprägten neuen Staaten wie den USA oder den süd- und mittelamerikanischen Staaten (nach deren Unabhängigkeit genauso wie zuvor) oder mit Kolonialmächten. Und man handelte mit Kolonialwaren, Rohstoffen aus Kolonien oder Gütern für diese und bis ins 19. Jahrhundert zuweilen sogar mit Menschen.

Im Sommer 1883 forderte sogar die Hamburger Handelskammer von Reichskanzler Otto von Bismarck die Errichtung eigener deutscher Kolonien. Und als ab 1884 ein eigenes deutsches Kolonialreich entstand, beteiligten sich ebenfalls auch Hamburger Reedereien und Kaufleute an prominenter Stelle daran, Verkehr und Handel mit Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika sowie den deutschen Besitzungen im Pazifik auf- und auszubauen, ohne dabei die Geschäfte mit den anderen Kolonialreichen zu vernachlässigen. Die Bürger der Hansestadt verstanden sich als besonders kosmopolitisch, und das bedeutete auch als Interessierte an der kolonialen Welt. Sie pflegten diesen bildungsbürgerlichen Anspruch beispielsweise durch die Errichtung eines eigenen Völkerkundemuseums, dessen repräsentativer Bau schon einen Hinweis auf die Rolle dieser Form der Weltschau in der bürgerlichen Welt gab. Auch glaubte man war zwar keine Universität zu brauchen, gründete 1908 aber ein Kolonialinstitut, aus dem nach dem Ersten Weltkrieg dann die Hamburger Universität hervorging.

Das Askari-Relief in Hamburg
"Askari-Relief" (c) Zimmerer

In Hamburg stehen bis heute einige der umstrittensten kolonialen Denkmäler, wie etwa die 1938 im Zuge der Wiederaufrüstungspolitik des Dritten Reiches eingeweihten sogenannten "Askari Reliefs". Sie glorifizierten nicht nur die deutsche Kriegsführung in Afrika im Ersten Weltkrieg, sondern dienten auch der Abrechnung mit dem Versailler Frieden und damit der Legitimation der aggressiven nationalsozialistischen Außenpolitik. Dazu gehören auch die im gleichen Zusammenhang an die Gebäudefassaden der Lettow-Vorbeck Kaserne angebrachten Porträts ehemaliger Schutztruppenoffiziere aus Deutsch-Ostafrika. Obwohl die Kaserne längst aufgelöst ist, hängen sie dort - mittlerweile unter Denkmalschutz stehend - bis heute völlig unkommentiert, darunter auch ein Lothar von Trotha, der mir durch meine Forschungen zum ersten deutschen Völkermord an den Herero und Nama (1904-1908) in Deutsch-Südwestafrika seit langem vertraut war. Über ihn erklärte die deutsche Bundesregierung 2004 selbst, dass er einen Genozid verübt habe und deshalb heutzutage vor Gericht gestellt werden würde.

Lothar von Trotha; Relief an Gebäuden der ehemaligen Lettow-Vorbeck Kaserne in Hamburg
Lothar von Trotha; Relief an Gebäuden der ehemaligen Lettow-Vorbeck Kaserne in Hamburg

Seit mehr als zehn Jahren gibt es auch deshalb in Hamburg eine bisweilen heftige, öffentliche Debatte um den Umgang mit der kolonialen Hinterlassenschaft, ohne die wohl auch die diesjährige Senatsentscheidung nicht möglich geworden wäre. So aber betritt die Hansestadt erinnerungspolitisches Neuland, denn Erfahrungen mit postkolonialer Erinnerungsarbeit außerhalb zivilgesellschaftlicher, postkolonialer und migrantischer Gruppen gibt es kaum. Zu lange war der deutsche Kolonialismus, bzw. die deutsche Beteiligung am europäischen Kolonialismus vergessen und verdrängt worden, überdeckt auch durch die Menschheitsverbrechen des Dritten Reiches. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft zögert auch, sich dieses Themas anzunehmen, sei es aus Unwissenheit, sei es aus nostalgischer Verklärung des Kolonialismus, die immer noch weit verbreitet und selbst eine Folge jahrhundertelanger kolonialer Prägung ist.

Das Ziel des historischen Teils der Aufarbeitung ist es, die Rolle Hamburgs im europäischen und deutschen Kolonialismus herauszuarbeiten und im Stadtbild zu visualisieren. So wollen wir etwa zeigen, welche Gebäude, Institutionen und Straßennamen eigentlich koloniale Erinnerungsorte sind und wofür sie historisch stehen. Auch wenn dies zunächst nur exemplarisch geschehen kann, so vermag dies, wie ich hoffe, einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit zentralen Themen der deutschen Geschichte zu leisten, vom Rassismus bis zum Paternalismus gegenüber Menschen aus dem Globalen Süden, von der Gewaltgeschichte mit ihren kolonial-genozidalen Vorläufern des Holocaust bis zur Diskussion über koloniale Ursprünge des deutschen Staatsangehörigkeitsrechtes. auch, so hoffe ich, zu einer breiten öffentlichen Debatte aller an diesen Fragen Interessierten um die angemessene Form des historischen Gedenkens daran kommen, wobei insbesondere auch der Dialog mit den Nachfahren der vormaligen Opfern des Kolonialismus zu führen sein wird.

Eine Gesellschaft konstruiert ihre kollektive Identität durch gemeinsame Rituale und Traditionen und ist geprägt durch gemeinsame Erinnerung. Diese Erinnerung ist dabei gesteuert bzw. ausgehandelt. Im Unterschied zur individuellen Erinnerung ist sie also geformt, sei es durch den Staat oder das Kollektiv selbst. So wird etwa durch Schulen, Erwachsenenbildung aber auch offiziöse Rituale wachgehalten und in eine bestimmte Richtung gelenkt. Was wir als unsere Geschichte verstehen, ist zum nicht geringen Teil, was uns als unsere Geschichte vorgestellt wird. Dazu gehört auch, was weggelassen wird. Die Marginalisierung des Kolonialismus im öffentlichen Geschichtsbild ist deshalb nicht nur eine akademische Frage. Indem der nostalgisch-kitschigen Verklärung nicht Einhalt geboten wird, wird ein Bild vom Deutschen bzw. europäischen Engagement gezeichnet, welche die führende Rolle Europas und seine Überlegenheit über den "Rest" der Welt unhinterfragt zementiert. Das Thema, das geeignet wäre, diese Rolle kritisch zu reflektieren, findet dagegen kaum Platz in der öffentlichen Erinnerungspolitik. Letzteres ist aber notwendig, nicht nur zur kritischen Reflexion auf die eigene Geschichte, sondern auch um zu verstehen, wie die Welt außerhalb des "Westens" diesen wahrnimmt. Und letzteres ist ein zwingendes Erfordernis, da die Realitäten der Globalisierung mit dem Aufstieg ehemals kolonisierter Nationen zu Mächten mit Weltrang dies von selbst erzwingen wird.

Dies zu leisten, dafür kann auch die Hamburger Initiative nur ein Anfang sein. Wenn es uns jedoch gelingt, diese in ein breiteres Engagement der gesamten Hamburger Bürger zu überführen, kann dies nicht nur den Umgang Hamburgs mit seiner Geschichte verändern, sondern auch das Verhältnis der Hamburgerinnen und Hamburger zur Welt. Und angesichts der eingangs skizzierten Rolle Hamburgs für den deutschen Kolonialismus insgesamt kann davon letztendlich die gesamte deutsche Gesellschaft profitieren; denn dass Kolonialismus nicht nur in Hamburg Spuren hinterlassen, sondern die deutsche Gesellschaft in vielen Teilen geprägt hat, ist nicht zu übersehen, wenn man weiß, wie man die Spuren lesen muss.

Es ist derzeit oft zu hören, dass Deutschland seine Stellung in der Welt neu definieren sollte und eine bedeutendere Rolle spielen. Dazu gehört aber auch, sich der Bedingungen und Konsequenzen der vergangenen Versuche bewusst zu werden. Das hilft auch kritische Reaktionen, gerade auch aus ehemaligen Kolonien, zu verstehen. Von William Faulkner stammt der schöne Satz: "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen." Auf wenige Phänomene der Geschichte trifft dies so zu wie auf das des Kolonialismus.

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