• Globales Lernen

Herr Mbassi

Mathias Piecha 0 Afrika Afrikakonferenz

Weiße, krause Haare. Ein brauner Anzug. Entschlossene Schritte nach vorne. Mr. Mbassi stellt sein Laptop auf das Rednerpult. Zuerst entschuldigt er sich. In der Nacht erst ist er aus Casablanca angekommen. Von einer kurzfristig einberaumten UNO-Konferenz. Weil sie sich in Mali gegenseitig in die Luft jagen. Seine Rede konnte er nicht ausdrucken, sich nicht vorbereiten.

Herr Mbassi
Jean-Pierre Elong Mbassi, Generalsekretär von United Cities and Local Governments (UCLG) of Africa

Dann erklärt er uns Afrika. In 20 Minuten. Ich habe selten Menschen erlebt, die Statistiken, an die Wand geworfen, ähnlich zum Leben erwecken konnten. Wahrscheinlich noch niemanden, der Zahlen so aus dem Herzen präsentiert hat. Staaten, die voran kommen möchten, brauchen Bürgerbeteiligung und Dezentralisierung. Er spricht frei, ohne zu stocken, nächtliche Reisestrapazen sind ihm nicht anzumerken. Er appelliert, überzeugt. Tosender Applaus.

Ich arbeite mich im Konferenzraum langsam nach vorne. Meine Fragen habe ich vorbereitet. In dem Glauben, jemand wie er von irgendeiner Organisation sei doch nur irgend so ein langweiliger Bürokrat, bestenfalls rethorisch gut. Die Anwesenden aus Afrika kennen Mr. Mbassi, nehmen ihn in Beschlag. Irgendwann bin ich dran. Keine Ahnung, ob die Anfrage für ein kurzes Interview an ihn weitergeleitet wurde. Er sagt aber sofort zu, will sich Zeit für mich nehmen. Dann ist er wieder umringt von Leuten, die ihn sprechen möchten, ihre Visitenkarte austauschen. Immer wieder höre ich sein lautes, herzliches Lachen. Den einen oder anderen umarmt er. Während ich etwas abseits zuschaue ruft er mir immer wieder zu: "I will come with you!"

Irgendwann gelingt es uns dann tatsächlich, uns in eine Stille Ecke im Konferenzraum zurückzuziehen. Fünf Fragen für Facebook, erkläre ich ihm. Für jüngere Menschen, die sich engagieren möchten. Kurz. Für mich würde ich hinzufügen: oberflächlich. Doch seine Antworten sind es nicht. Sind voller Enthusiasmus, geben ein Feuer wieder. Er, der kaum Schlaf hatte in der Nacht zuvor, sich um einen Krieg in Afrika kümmern musste, spricht zu mir an junge Menschen in Deutschland. Engagiert Euch für die eine Welt, ist sein Appell. Die Jugendlichen in Afrika wollen das Selbe. Was wir von Afrika lernen können, frage ich ihn. Er erzählt eine Geschichte von einem jungen Paar aus Europa. Am Kilimandscharo waren sie abends in einem Dorf gelandet, ohne Hotel, Motel, Jugendherrberge. Eine Familie nahm sie auf. Gab ihnen einen Schlafplatz, kochte für sie. Als die junge Europäerin fragt, warum die Familie selbst nichts esse, ist die Antwort: "Ihr müsst morgen Fahrrad fahren, ihr braucht die Kraft." "Und das", sagt Herr Mbassi, "das könnt ihr von uns in Afrika lernen."

Dann ist mein Smartphone nicht mehr auf Aufnahme geschaltet. Aber das Gespräch geht weiter. Mit einem Mann aus Kamerun, den ich mir vor 24 Stunden noch als trockenen Bürokraten vorgestellt habe. Staaten verfolgen eigene Ziele, Menschen wollen Freundschaft und Humanität. Deshalb sollen sie sich auf untersten Ebenen kennenlernen, sich helfen. Sein Appell ist ihm wichtig. Immer wieder beugt er sich vor, packt mich am Arm, blickt mich dabei mit warmen Augen an, während er spricht. Die Menschen ließen sich heute nicht mehr alles von ihren Regierungen gefallen. Sie stünden auf, wenn ihnen etwas nicht passt. Meinen Zweifel bemerkt er an meinem Blick. Nennt Saatgut von Monsanto, das der Konzern nicht mehr so einfach verkaufen könne, weil die Menschen sich wehrten. "In 10 Jahren haben wir eine andere Welt" ist er überzeugt, lacht.

Eine Dreiviertelstunde reden wir. Auch über den Kolonialismus. Dass die Europäischen Regierungen es versäumt hätten, in ihrer eigenen Zeitzone Geschäfte mich den Menschen in Afrika zu machen, "die die selbe Sonne aufgehen sehen". Statt dessen habe man auf China gesetzt, bis die alles selber könnten und uns nicht mehr bräuchten. Er argumentiert mit Zahlen, mit Geschichte. Doch sein häufigstes Wort ist "humanity". Jeder Mensch habe sie in sich. Und das sei unsere Zukunft.

Dann wird er von einem Tagungsteilnehmer abgeholt, muss noch jemanden treffen. Wir schütteln uns die Hände, ich höre wieder sein lautes, herzliches Lachen. Ich bin kurz allein. Überwältigt von der inneren Kraft und ungekünstelten Überzeugung von dem Guten im Menschen, von dem Veränderungswillen der nächsten Generationen. Eigentlich ist er Politiker. Und doch so ganz anders als die, die ich kenne.

Und ich frage mich: ist er naiv? Haben wir bei uns in Deutschland nicht gerade Wahlen erlebt, die alles andere zeigten als Menschen, die Veränderung wollen und gegen schlechte Politik aufstehen? Sind so viele bei uns nicht eingelullt von dem täglichen 12-Stunden-Kampf um die nächste Vertragsverlängerung, von den steigenden Kosten, der psychischen Belastung des Alltags, dass kein Platz mehr bleibt für Menschen mit Problemen im eigenen Land, ganz zu schweigen von Afrika?

Die Welt bräuchte mehr Herren Mbassis. Ich bin froh, diesen einen getroffen zu haben.

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