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Ich bin dankbar

Karin Schüler 2 Bonn Weltwärts

Die Tage werden wieder länger und ich freue mich auf die helle Zeit. Diese helle Zeit fällt zusammen mit meinem Eintritt in den „Ruhestand“. 47 Jahre habe ich in die Rentenversicherung eingezahlt, nun darf ich gehen. Dafür bin ich dankbar. Aber kann meine Haltung in Rente gehen?

Hand dreht Schlüssel in Türschloss

Mein Erwachsenwerden und Erwachsenenleben war geprägt von einem beruflichen und ehrenamtlich Engagement: ich habe demonstriert für die Friedensbewegung, bin Feministin geworden, boykottiere Atomkraftstrom, war und bin aktiv in der entwicklungspolitischen Bewegung, eben sehr bewegt, gefühlt mein ganzes Leben: Mit all seinen Schwankungen, Zweifeln, auch Verzweiflung, Wut, Hoffnung, und immer wieder Hoffnung. Werte, die geprüft wurden, die immer wieder gefestigt werden mussten. Irritation tut gut.

Mit 22 Jahren ging ich mit dem DED nach Afghanistan, dann nach Nord-Ost-Brasilen, dann nach Nicaragua, dann 2. Bildungsweg, dann hier und da. Und nun eine Bilanz? Erst mal ein Blick zurück, dann nach vorn.

Ich bin dankbar, dass ich in meinen letzten Berufsjahren noch das Programm weltwärts mit „auf die Schiene setzen“ konnte. Und ich bin zuversichtlich, dass der eingeschlagene Weg sowohl für alle Akteure des Programms als auch für die Gesellschaft ein Gewinn sein wird. Besonders erfreulich ist für mich, dass das Programm dort anknüpft, wo ich vor gut 42 Jahren in die Entwicklungsszene als Entwicklungshelferin in Afghanistan eingestiegen bin: Junge Menschen für eine Welt zu engagieren, ihnen Erfahrungen und Erkenntnisse zu ermöglichen, die sie aktiv und handlungsfähig in der Gesellschaft machen, das war der DED. Dieses Engagement hat mich nicht mehr losgelassen, es floss ein in meine entwicklungspolitische Arbeit, in mein feministisches Engagement , in meine beruflichen Aufgaben bei der Stadt Köln (in der Migrationsarbeit) oder bei der AWO. Dadurch konnte ich auch immer wieder balancieren zwischen NGO und „knorrigen“ Verwaltungsakteuren . Ich habe gelernt: Verwaltung ist im Prinzip zähhhhhhh, und es macht keinen Sinn, sie beschleunigen zu wollen, sie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und ist gegen Veränderungen sehr widerständig. Das zu erkennen und zu nutzen war mein Ziel.

Diese Arbeit war nicht immer einfach, aber sie hat mir auch Energie gegeben und auch Spaß gemacht, sie hat meinen Blick geweitet und mich auf meinem Weg, Erkenntnisse zu sammeln, weitergebracht. Die größte Hürde war für mich die Zusammenarbeit mit Ministerien. Die dortigen DienerInnen des Staates (die ja von unseren Steuergeldern alimentiert werden) sind immer mehr zu DienerInnen der jeweiligen PolitikerInnen (MinisterInnen) geworden. Und weil die NGO auch zum großen Teil von ihnen abhängig sind - oder sich über die Jahre abhängig gemacht haben - haben sie sich auch treiben lassen. Keine Sichtweise steht mehr im Vordergrund, sondern die Betriebswirtschaft mit seinen kapitalistischen Orientierungen (Effizienz um jeden Preis z.B.) hat uns alle in ihre Klauen genommen.

Und jetzt habe ich Zeit, meine Visionen wieder zu suchen und … sicherlich zu finden. Ich bin zuversichtlich und habe weiterhin Hoffnung. Warum auch nicht. Auch im Ruhestand gibt es MitstreiterInnen. Packen wir es an.

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2 Kommentare

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Christiane Westenhöfer

Liebe Frau Schüler,
auch wenn wir uns eine Weile nicht gesehen habe, möchte ich doch nicht verpassen Ihnen alles Gute für die Zukunft zu wünschen.
Sich das weltwärts Sekretariat ohne Sie vorzustellen, fällt schwer.
Viel Energie und Freude mit Ihrem tollen Garten.
beste Grüße
Christiane W.

Renate Tietz

Liebe Frau Schüler,
danke für den treffenden Beitrag. Was sie nun begonnen haben, kommt auf mich im Oktober 2016 zu. Ja, ich freu mich auch auf eine Zeit mit etwas mehr Ruhe und ja, die Haltung vor allem bleibt.
Ich danke ihnen, dass sie so engagiert weltwärts vorangebracht haben. Auch für mich war es ein Höhepunkt, daran mitgewirkt zu haben. Ich bin vom Programm weiterhin überzeugt, wenn es gut als Lerndienst umgesetzt wird. Dennoch kämpfe ich weiterhin täglich mit den falsch geweckten Erwartungen bei jungen Menschen und Multiplikatoren. Gerade heute erhielt ich eine Rückmeldung nach einem Projekttag in der Berufsschule zum Thema " soziales globales Engagement" , bei dem sowohl ich als auch eine Rückkehrerin berichteten, was weltwärts ist und welche Erfahrungen eine Freiwillige im Einsatz gemacht hatte. Ich hatte hingewiesen darauf, dass man als unausgebildeter Abiturient nicht "Hilfsdienst" im Einsatzland leisten kann. Ganz viel erfahren, beobachten und lernen sollte man aber, so viel wie möglich sich nützlich machen - das war meine Aussage. Wichtiges Engagement kommt nach der Rückkehr!

Lehrer und Schüler zeigten sich enttäuscht nach der Veranstaltung. Ich habe wohl eher zu Demotivation beigetragen, weil ich unsensibel nicht die Weltretter gestreichelt habe, sondern eher hervorgehoben habe, welche Chance weltwärts für den Einzelnen ist, die globale Welt besser zu verstehen. weltwärts wirkt für mich vor allem in unserer Gesellschaft zurück.
Ich sehe ein, dies ist ein Prozess, den die "weltwärts Weltverbesserer" erst im Laufe der Vorbereitung und im Einsatz verstehen. Ich hätte mich zurückhalten sollen, behutsam ihre Motivation nähren, aber das ist eine Beobachtung in meinem fortgeschrittenen Alter: ich werde ungeduldiger, will die Dinge auf den Punkt bringen und nicht immer die Erwartungen bedienen.
Meine Haltung ist die: ich habe Achtung und Respekt vor unseren Partnern, die die jungen weltwärtsler in ihren Projekten aufnehmen und sie begleiten. Ich bewundere auch die weltwärtsler, die ihre Helferhaltung reflektieren, sich einfügen, einbringen, anpassen und den Perspektivenwechsel schaffen.
Ja, und ich danke den engagierten Kollegen von Engagement Global, die sich im Dschungel der vielen Formalien, Richtlinien, Politikerwechsel, Steuerungsgruppen, Evaluationen und Verbünden immer wieder auf die Kernaufgabe besinnen: jungen Menschen zu ermöglichen die globale Welt besser zu verstehen.

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