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Mama, bitte nicht schon wieder Klamotten kaufen!

Philip Heldt 1 Altkleider Fairer Handel Verbraucherzentrale

Ich kann mich noch immer gut erinnern, wie nervig für mich als kleiner Junge die Kaufhausbesuche mit meiner Mutter waren, wenn es darum ging, wieder eine neue Hose oder einen neuen Pullover zu kaufen. Schlimm war es, wenn ich gleich mehrere Sachen benötigte. Die trockene warme Luft und das hin und her gezogen werden behagten mir überhaupt nicht. Und meine Mutter war unzufrieden mit mir, wenn ich keine Lust mehr hatte, noch eine andere Hose anzuprobieren.

Altkleider
Man wächst schnell raus

Die Zeit der nervigen Kaufhausbesuche ist zum Glück lange vorbei. Dass ich heute nur selten im Kaufhaus zu finden bin, hat aber eine andere Bewandtnis. Als Student hatte ich natürlich wenig Geld, und so kam es mir sehr gelegen, als in der Nähe ein Umsonstladen eröffnete, in dem Freiwillige alles mögliche aus Spenden und Haushaltsauflösungen anboten. Das meiste davon in tadellosem Zustand, allemal wert, vor der Mülltonne gerettet zu werden. Auch an Kleidung gab es ein gutes Angebot. Natürlich musste man regelmäßig vorbeischauen, ob etwas Passendes dabei war. Dafür gab es hier auch abgefahrene Retro-Teile oder das ein oder andere Schätzchen.

Da das Angebot an Anziehsachen mit zunehmender Bekanntheit des Umsonstladens recht groß war, gab es erst recht keinen Grund mehr, ein Kaufhaus zu besuchen, in dem viel teurere Neuware angeboten wurde, die vorwiegend unter fragwürdigen Bedingungen genäht wurde. Ökomode gab es in der kleinen Unistadt sowieso nicht, und wenn, wäre sie mit dem Bafög nicht erschwinglich gewesen. Ich blieb also weiter Kunde diverser Secondhandangebote.

Auf Kleidertauschpartys wurde ich auf einem Nachtflohmarkt aufmerksam, wo neben den regulären Ständen auch eine Kleidertauschparty stattfand. Der Kleidertauschstand war der am meisten umlagerte Stand des Marktes. Die Gäste, die sonst vielleicht am Samstag Abend zum Tanzen ausgingen, waren nun hier und nutzen die Chance, diverse Kleiderkombinationen von skurril bis elegant auszutesten und sich gegenseitig darin zu fotografieren. Was in ihrem eigenen Kleiderschrank herumlag wurde mitgebracht und füllte den Wäscheberg auf. Die interessantesten neuen Teile wurden dann mitgenommen. Das war Konsum als Event in einer anderen Form. Meine Neugier war geweckt, und schon bald nahm ich selbst an einer Kleidertauschparty teil. Zugegeben ist das Angebot an Damenbekleidung auf solchen Partys meist größer als das für Herren, aber das mindert den Spaß nicht im geringsten. Solange man mit netten Leuten nebenher plauschen und Kaffee trinken kann, bevor man die nächste Hose ausprobiert, ist gute Laune garantiert. Hätte meine Mutter nur damals schon von Kleidertauschpartys gewusst, das hätte uns beide weniger Nerven gekostet.

Nach der Uni begann ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Umweltberatung der Verbraucherzentrale NRW. Hier durfte ich weiter meinen ökosozialen Neigungen nachgehen. Mit dem Bereich Abfall und Ressourcenschutz oblag mir auch das Thema Altkleider. Textilrecycling ist ein Dauerbrenner bei den Anfragen, die die Verbraucher an unsere Umweltberater stellen. Es gibt einfach so viele verschiedene Sammlungen und immer wieder Berichte, dass mit den Altkleidern nur vorgeschobene soziale Interessen bewegt werden, um das große Geschäft dahinter zu verstecken. Wie also kann man die rein karitativen Sammler von den schwarzen Schafen unterscheiden, die nur so tun als wären sie gutherzig? Und wie gut waren die Unternehmen, die offen zugaben rein gewinnorientiert zu arbeiten, aber eben trotzdem gute Recyclingdienstleister waren?

Nun, privat löste ich das Problem, indem ich nur bei den namhaften Organisationen Textilien für mich erstand. Als Berufsanfänger brauchte ich erst mal "etwas Ordentliches fürs Büro". Die Caritas und die Diakonie hatten in meiner Nähe zwei liebevolle Secondhandkaufhäuser, in denen ich einen guten Anzug und ein Jacket fand.

"Aber du musst doch nicht bei der Diakonie kaufen. Du bist doch jetzt nicht mehr arm!" sagte meine Mutter, als ich ihr von dem Einkauf erzählte. Nein, arm war ich nicht mehr, aber ich mochte die Atmosphäre dort deutlich lieber als in den großen Kaufhäusern, wo Verkäufer ihre Kunden immer "beraten" wollten und die Kunden gehetzt waren. Als ein Freund, der nun ebenfalls in die Arbeitswelt eintrat, mir berichtete, er habe sich zwei Anzüge kaufen müssen und für jeden um die 300€ bezahlt, dachte ich an das viele gesparte Geld, von dem ich einen wunderbaren Wanderurlaub machen würde.

Mit der Eröffnung des Malteser-Ladens in der Innenstadt konnte ich dann noch einen weiteren Anzug erwerben, um für alle Anlässe der Arbeit gerüstet zu sein. Die Malteser wagten sich in die beste Geschäftslage und hatten einen besonders schön eingerichteten Laden, in dem eher Premium-Secondhand angeboten wurde. Das hier war ganz klar ein Angebot für die Menschen, die nie in ein Sozialkaufhaus gehen würden, weil sie ja nicht arm waren. Dies war kein Sozialkaufhaus, sondern ein edler Seconhandladen. Der Umweltnutzen war freilich der Gleiche.

Auch in der Ware unterschieden sich die Malteser von den anderen Anbietern dieser Branche. Sie boten auch Ausschussware an: vollkommen neue Textilien, die - warum auch immer - vom Einzelhandel abgelehnt wurden und die sonst gleich im Reisswolf gelandet wären. Vielleicht nur, weil in dieser Saison andere Farben gewünscht wurden oder die Knöpfe nicht die exakt gewünschte Farbe hatten. Ich fand dieses Vorgehen im Textilhandel um so befremdlicher, seitdem ich mal auf einer Messe für soziales Engagement selber ein T-Shirt genäht hatte und einsah, wie viel Zeit und Arbeit dahinter steckt, bei einem Lohn, der den meisten Näherinnen und Nähern nicht zum Leben reicht.

Das mussten wir doch den Verbrauchern mitteilen! Tatsächlich beschloss die Gruppe Umwelt der Verbraucherzentrale NRW eine Kampagne zum Thema Altkleider. Desweiteren sollte das Thema ergänzt werden durch eine Kampagne zu fairen Textilien und Textillabeln. Wir entwarfen einen Flyer mit den wichtigsten Informationen zu Altkleidersammlung und Textilrecycling, in dem auch ein lokaler Einkaufsführer enthalten war. Die Umweltberater sammelten dazu Adressen in ihren Städten, wo Verbraucher Altkleider abgeben konnten, aber auch selbst die Möglichkeit hatten, Secondhand zu kaufen. Der reißende Absatz der Flyer und die gute Presseberichterstattung stimmen mich sehr hoffnungsvoll, dass immer mehr Bürger ihren Textilkonsum überdenken und nachhaltiger gestalten.

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Johannes H.

Hallo Philip, danke für deinen Beitrag! So sehr diese Einrichtungen im Kern ihre Berechtigung haben mögen...ich finde deinen Beitrag trotzdem respektlos, nicht nur deiner Mutter gegenüber, die du als gedankenlose Konsumentin abstempelst. Es gibt auch einfach Menschen, die gut, sauber und anständig gekleidet sein wollen. Ausserdem liess deine grosse Luxuswohnung in Greifswald nicht gerade den Eindruck entstehen, dass du zuwenig Geld hättest - darin kann also der Grund nicht liegen. Heuchelei? Nicht jede persönliche Präferenz muss in die Welt hinausposaunt werden. Wenn ich ein Mädchen wäre, würde ich vermutlich auch nicht mit einem ausgehen wollen, der Kleidung retten will, aber dafür leicht ranzig aussieht. Man muss auch bedenken, dass in einer Wirtschaft nicht alle so leben könnten, wie du es vorschlägst. Dabei handelt es sich um ein Randphänomen des Kapitalismus, welches allerdings von diesem abhängt. Es ist m. E. unreif, daraus eine Romantik zu kreieren. Gruss, Johannes

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