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Slum ist nicht gleich Slum

Ute Lange 0 Armut Indien Slum

Im vorderen Teil des Taxis entsteht Unruhe. Unser Fahrer und Melques, der 19 Jahre alte Sohn der Familie, bei der wir drei Tage und Nächte verbringen werden, diskutieren heftig miteinander. Auch ohne ein Wort verstehen zu können ist mir und meinen beiden Mitstreitern im Fond des Wagens klar: der Fahrer will hier nicht weiter, hinein in den Slum. Die Gassen werden immer enger, die Schlaglöcher tiefer und das Ambiente trister. Auch uns ist es ein wenig mulmig zumute.

Slum
Slum: Entlehnung vom irischen S lom é zum englischen slum für „düsterer und mittelloser Ort“.

Auf was haben wir uns eingelassen? Ob die Teilnahme am Exposure- und Dialogprogramm in Mumbai wirklich eine gute Idee war? Was werde ich sehen, riechen, schmecken? Wie werde ich mich fühlen? Was davon wird bleiben? Mich gefangen nehmen? Mein weiteres Leben beeinflussen? Jetzt wirkt alles so viel realer und beunruhigender als die in den Unterlagen angekündigte Begegnung in Slums „mit Menschen, die von verschiedenen Dimensionen der Armut betroffen sind.“ Beim Lesen klang das ganz nüchtern und sachlich.

Schon vor unserer Reise entstanden beim Wort „Slum“ Bilder in meinem Kopf. Bilder von den Waisenkindern im Film „Slumdog Millionär“, die auf Müllbergen leben und schließlich von skrupellosen Kriminellen versklavt oder verstümmelt werden. Bilder von Hunger, Elend und Krankheit. Laut Definition von UN-Habitat ist ein Slum eine „Siedlung, in der mehr als die Hälfte der Einwohner in unzumutbaren Unterkünften ohne grundlegende Versorgungseinrichtungen leben“. Slumbewohner leben demnach „ohne Eigentumsrechte, Zugang zu sauberem Wasser, Zugang zu sanitären Einrichtungen und ohne ausreichenden Wohnraum“. Beinahe jeder sechste Mensch lebt in einem der Elendsviertel der Erde, in dem Armut, Krankheit und Elend herrschen. Hier in Mumbai leben 54 Prozent der knapp 13 Millionen Stadtbewohner in Slums. Unfassbare Dimensionen.

Das Taxi hält auf einer nicht asphaltierten engen Straße oder treffender beschrieben: auf einem Schotterweg. Gegenüber stehen zwei Ziegen vor einem Haus. Um uns herum liegt überall Müll. Meine Nase fühlt sich attackiert. Stolz zeigt Melques in eine enge dunkle Gasse. „Dort wohnen wir“, sagt er freudestrahlend. Vorbei an offen stehenden Türen, die Einblick in äußerst bescheidene und beengte Wohnungen geben sowie an steilen Treppen, die in die oberen Geschosse führen, gelangen wir in die „gute Stube“ der Familie Majella, von Vater Jerald und seiner Frau Mary.

Sieht doch alles ganz ordentlich aus, ist einer meiner ersten Gedanken. Kein Dreck, keine unerwünschten Tiere, eine „normale“ Toilette. Während wir bei unseren Gastgebern Jerald und Mary den Luxus eines nahezu westlichem Standard entsprechenden Badezimmers genießen, können wir beim morgendlichen Rundgang durchs Viertel vielen Menschen beim Waschen auf der Straße zuschauen und sind nach einem Blick auf die öffentliche Gemeinschaftstoilette mehr als erleichtert darüber, dass wir sie nicht ausprobieren müssen. Wir sehen Wohnungen unterschiedlicher Größe und Ausstattung.

Schnell werden wir selbst zur Attraktion der Nachbarschaft. Zunächst sind es die Kinder, die Kontakt suchen. Neugierig und unbefangen stürmen sie in unser Gästezimmer. Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen können sie Englisch und haben keine Scheu uns anzusprechen. Ihre Eltern investieren viel in ihre Bildung. Fast alle gehen auf private Schulen im Viertel. Auch Allwin, der 13 Jahre alte zweite Sohn der Familie besucht eine private katholische Schule. Außerdem nimmt er nachmittags an dem von der Kirchengemeinde organisierten Zusatzunterricht teil. In seiner knapp bemessenen Freizeit kümmert er sich um den „Schatz“ der Familie: die zwei Jahre alte Adoptivtochter Felcy.

Die kleine quirlige und ausgesprochen selbstbewusste „Prinzessin“ hält nicht nur ihre Eltern und Geschwister, sondern auch etliche befreundete Familien in der unmittelbaren Nachbarschaft auf Trapp. Den ganzen Tag über rennt sie durch die anliegenden Gassen und wird überall freundlich und liebevoll empfangen. Niemand scheint Angst um sie zu haben, wenn sie nicht in Sichtweite ist. Meine Vorstellung von „Slum“ wird ständig herausgefordert. Wir erleben weder tätliche Angriffe noch Überfälle, und hungern müssen wir auch nicht. Im Gegenteil, Mary bekocht uns ausgesprochen gut und üppig. Auch ihre Nachbarn und Freunde, die uns zu sich einladen, bieten stets Getränke und Essen an.

Am zweiten Tag begleiten wir Melques zum Don Bosco Boys Home in Borivali. Er absolviert dort eine Ausbildung zum Automechaniker. Seit 1976 können hier Straßenkinder und Jugendliche aus den umliegenden Slums an verschiedenen Kursen in technischen Berufen und in der Hotellerie teilnehmen. Zugleich versuchen die Priester des Salesianer Ordens die Jungen und (wenigen) Mädchen, die sie ausbilden, über das Fachliche hinaus auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Ihren Erzählungen lauschend scheint das allerdings die größte Herausforderung zu sein. Das Sozialverhalten der Jungen entspricht nicht immer den Vorstellungen der Ordensbrüder. Melques bezeichnen sie beispielsweise als „spitzbübisch“.

Im Boys Home treffen wir auch andere Teilnehmer des Programms und erfahren mehr über deren Erfahrungen. Einer musste sein Bett mit mehreren Ratten und Bettwanzen teilen. Das Abendessen der Gastgeber ließ ihn und seine Begleiter hungrig zurück. Die für sie nächstgelegene öffentliche und nicht beleuchtete Toilette ist nur über eine mehrspurige, stark befahrene Straße zu erreichen. Wir hören, dass es im ländlichen Chinchwad kein fließendes Wasser gibt und der Strom meist bei Einbruch der Dunkelheit ausfällt. Die Teilnehmer sind daher schon um 20 Uhr schlafen gegangen. Welch ein Gegensatz: Bei uns gab es erst um 23 Uhr Abendessen.

Je mehr ich über „unsere“ Familie erfahre, desto mehr fühle ich mich an Aufstiegsgeschichten aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren in Deutschland erinnert. Stolz berichtet uns Jerald über das, was er für seine Familie erreicht hat. Er selbst kam Mitte der achtziger Jahre aus seiner Heimatstadt Mysore nach Mumbai. Wie viele andere Inder auch zog es ihn in die Metropole auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit. Wie viele wurde er anfangs enttäuscht. Das Leben in der Großstadt war hart und kostete viel Kraft und Durchhaltevermögen. Doch im Gegensatz zu anderen hat er es geschafft. Seit zwölf Jahren arbeitet er fest angestellt mit Anspruch auf 20 Tage bezahlten Urlaub als Busfahrer in einer lokalen Firma. Mittlerweile gehört ihm die Zwei-Zimmer-Wohnung einer Nachbarin, um die er sich gekümmert hat, als diese alt wurde. In derselben Gasse gegenüber hat er ein weiteres Haus mit drei Zimmern auf drei Stockwerken gekauft und umgebaut. Im Erdgeschoss sind wir untergebracht. Das Zimmer darüber ist vermietet und unterm Dach hat Melques sein eigenes Reich. Keiner der Nachbarn, die wir kennen lernen, verfügt über ähnlich viel Platz. In der ärmsten katholischen Gemeinde von Mumbai gehört Jerald heute zu den wohlhabendsten Mitgliedern und ist laut Gemeindepfarrer einer der großzügigsten Spender.

Umso weniger kann er nachvollziehen, dass sein ältester Sohn Melques die Chancen, die seine Eltern sich für ihn erhoffen und für die sie sehr viel investieren, nicht zu nutzen scheint. Jerald erzählt uns, dass er nicht erkennen kann, das Melques alles für einen erfolgreichen Abschluss tut. Die Ausbildung im Boys Home sei die letzte Chance auf ein anerkanntes Zertifikat. Sollte er dies nicht schaffen, habe er keine Chance auf eine gute Anstellung. In den Diskussionen über den in den Augen von Jerald „missratenen“ Sohn erfahren wir viel über die indische Gesellschaft. Während es in Deutschland auch nach einem Scheitern in einer Ausbildung Möglichkeiten auf berufliche Entwicklung und Erfolg auf anderen Wegen gibt, ist dies in Indien nahezu unmöglich. Sollte Melques den Abschluss nicht schaffen, besteht die Gefahr, dass er sich in das Heer von Tagelöhnern, die von der Hand in den Mund leben, einreihen wird. Ein Schicksal, dass der Vater seinem Sohn gern ersparen würde.

Marys Freundin Maya besteht darauf, dass wir abends bei ihr essen. Großzügig teilt die Freundin „ihre“ Gäste. Und wir erhalten weitere Einblicke in das Leben im „Slum“. „Leider kann ich kaum Englisch, aber für meine Kinder ist es sehr wichtig, dass sie diese Sprache beherrschen“, sagt sie. Auch sie und ihr Mann lassen sich die Ausbildung ihrer Kinder einiges kosten. Sie können es sich leisten, er arbeitet in der Finanzbranche. Sorgen mache ihr allerdings, dass manche Menschen auf sie und ihre Kinder herabschauen, weil sie anhand der Adresse erkennen können, wo die Familie wohnt.

Warum bleiben Menschen wie Mary und Jerald oder Maja und ihre Familie im „Slum“ wohnen, obwohl sie wirtschaftlich besser gestellt sind als viele ihrer Nachbarn, fragen wir uns. Am Ende unseres Aufenthaltes können wir uns vorstellen, dass „Slum“ für sie Heimat und nicht Elend und Not bedeutet. Hier leben ihre Freunde, sie kennen sich aus, haben alle ihre Bezugspunkte wie Geschäfte, Ärzte, Schulen und Kirche in der Nähe. Ein Umzug in eine bessere Wohngegend würde sie nicht nur mehr Geld kosten, welches sie hier in die Zukunft ihrer Kinder investieren können, sondern vermutlich auch entwurzeln und vielleicht sogar unglücklich werden lassen.

„Slum“ mag bedeuten, dass es keine oder nur wenige öffentliche Güter gibt, es muss jedoch nicht gleichzeitig auch einen Mangel an privaten Gütern bedeuten. Slum ist eben nicht gleich Slum.

 

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