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Vom Lernen im Dunklen – Kino Global

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Kinos in ganz Deutschland holen die Welt auf ihre Leinwand. Aus allen Regionen der Erde stammen Spiel- und Dokumentarfilme, die von Kino Global gezeigt und diskutiert werden. Es sind Filme aus Ländern des globalen Südens und aus Filmkulturen jenseits des amerikanischen und westeuropäischen Mainstreams. Es sind Filme, die sich mit Begegnung, Konfrontation und dem Austausch von Kulturen beschäftigen; sowie mit Migration und interkulturellem Leben in Deutschland und anderen Industrieländern.

Hunderttausende Inderinnen und Inder protestieren. © 2015 MILLIONS CAN WALK
Hunderttausende Inderinnen und Inder kämpfen für die Kontrolle über lebenswichtige Ressourcen. © 2015 MILLIONS CAN WALK

„Sie haben uns so viel versprochen und nichts gehalten. Wir dürfen jetzt nicht einmal mehr unseren eigenen Wald betreten, sagt die Forstbehörde! Ja, ich bin sehr wütend!“ Im Kinosaal herrscht gespannte Konzentration, als die indische Frau auf der Leinwand, eine Indigene vom Volk der Adivasi, ihrem Ärger freien Lauf lässt. Mehr als 60 Zuschauer verfolgen aufmerksam das Schicksal der entrechteten und landlosen Menschen. Mit einem machtvollen Marsch machen sie sich auf den Weg nach Delhi, dorthin wo die Politiker sind. Diszipliniert, gewaltfrei und sehr bestimmt. Hunderttausende rücken Tag für Tag ein Stück auf die Hauptstadt zu, ganz in der Tradition von Mahatma Gandhi. Ekta Parishad heißt die Bewegung, die die „Jan Satyagraha“ (Marsch der Gerechtigkeit) initiierte und koordiniert. Ihre eindrucksvolle Demonstration wird dokumentiert von einem indisch-schweizerischen Filmteam.

„Millions can Walk“ heißt dieser Film, den das „Allerweltskino“ zeigt, eine interkulturelle und entwicklungsbezogene Reihe, die schon seit vielen Jahren in Köln regelmäßig Filme anbietet und mit dem Publikum diskutiert. Im Anschluss an diese Vorstellung gibt es eine Besonderheit: Im Publikum sitzen der Kölner Fotograf Martin Bauer und andere Personen, die am Marsch teilgenommen haben. Sie berichten von ihren Eindrücken, den Erfolgen und den Plänen der indischen Aktivisten. Fast eine Dreiviertelstunde diskutieren Publikum, Veranstalter und die Gäste lebhaft miteinander und haben so Gelegenheit, das Gesehene zu reflektieren und ihre Eindrücke auszutauschen.

Für den Kollegen Martin Block von der Mitmachzentrale sind Kinoveranstaltungen eine große Chance für das Globale Lernen. „Da werden auch Menschen angesprochen, die zu anderen Veranstaltungsformen nicht kommen würden. Oft ist der Besuch spontan, und ein Kino hat wenige Hemmschwellen. Zur Diskussion bleibt nur, wer möchte und vom Film ergriffen wurde. Denn Kino informiert uns nicht nur über Lebensbedingungen und Alltag, sondern spricht auch unsere Gefühle an, beeindruckt durch Bilder und künstlerische Darstellung. Mit den Heldinnen und Helden leiden, lachen und freuen wir uns. Wir durchleben ihre Probleme und Ängste, aber sehen auch ihre Würde und ihr Selbstverständnis. Diese Identifikation ist eine wichtige Hilfe beim Perspektivwechsel, der für das Globale Lernen von zentraler Bedeutung ist.“

Pankhi Bai, eine Indigene vom Volk der Adivasi, protestiert gegen Landraub in Indien.
Pankhi Bai, eine Indigene vom Volk der Adivasi, protestiert gegen Landraub in Indien. © 2015 MILLIONS CAN WALK

Der Abend in Köln hat eine weitere Besonderheit. Rund 20 der Zuschauenden sind selbst Kinomacherinnnen und Kinomacher. Es sind Filmtheaterbetreiber und Filmtheaterleiterinnen, aber auch Mitarbeitende von Organisationen des Globalen Lernens. Sie sind aus ganz Deutschland gekommen, um bei einem Seminar von den langjährigen Erfahrungen des Allerweltskinos zu lernen. Dessen Konzept dient als Inspiration des Projektes „Kino Global“, das die Möglichkeiten von Spiel- und Dokumentarfilmen für das Globale Lernen in andere Städte tragen will. Dazu hat die Mitmachzentrale der Engagement Global Kontakt zu Kinoverbänden, Filmverleihen, Organisationen der politischen Bildung und den Verbänden der entwicklungspolitischen Zivilgesellschaft aufgenommen. Mit deren Unterstützung wurden in fast allen Bundesländern interessierte Kinobesitzerinnen und Kinobesitzer gewonnen. Die meisten zeigen bereits gelegentlich Filme mit einem Bezug zum globalen Süden und bieten mit engagierten Partnerinnen und Partnern Diskussionen an.

Kontinuierliche und systematische Reihen hat bisher jedoch kaum jemand durchgeführt. Das finanzielle Risiko für Kinos ist hoch, ebenso der Vorbereitungs- und Durchführungsaufwand. „Wir möchten diese Hemmnisse abbauen“, meint Martin Block, Projektleiter von „Kino Global“. „Durch gezielte finanzielle Unterstützung, aber auch durch Vernetzung und gegenseitigen Austausch. Wir vermitteln zudem geeignete Referentinnen und Referenten über unser Programm ‚Bildung trifft Entwicklung‘, schlagen Filme vor und ermutigen so die Kinos und ihre Partner zu ganzen Veranstaltungs-Staffeln. Unser Ziel ist es, den Kinosaal zu einem Ort des Lernens und des regelmäßigen Dialogs über weltweite Fragestellungen zu machen.“

Martin Block freut sich, dass bereits 15 Kinos bundesweit mitmachen, und im Sommer und Herbst 2015 jeweils acht Filme zu verschiedenen Themen zeigen werden. Die Abende orientieren sich an der Zukunftscharta der deutschen Entwicklungspolitik, die die wichtigen Fragen weltweiter Zusammenarbeit anspricht: Klimaschutz, Hunger, Flucht, Migration und Faires Wirtschaften. „Kino Global“ ist Teil der ZukunftsTour, die diese Themen mit den Menschen vor Ort diskutiert. Die Vorbereitungen für die Filmreihen laufen auf Hochtouren. Am 25. Juni wird in Bremen mit „China Blue“ der erste Film gezeigt. Die Dokumentation stellt die schwierigen Arbeitsverhältnisse und Lebensbedingungen chinesischer Textilarbeiterinnen aus ihrer Perspektive vor.

Nach der Sommerpause, ab Ende August, startet „Kino Global“ in den anderen Städten in ganz Deutschland. Etliche Filmtheater mehr hatten sich beworben, dabei mitzumachen. Leider mussten viele aus finanziellen Gründen vorerst vertröstet werden. Wenn „Kino Global“ Ende 2015 das erste Fazit des Projekts zieht, kann es vielleicht weitergehen. Martin Block dazu: „Wenn wir in unserer Auswertung ein positives Resümee sehen, dann geht es 2016 hoffentlich weiter. Und möglicherweise mit noch mehr Kinos in weiteren Städten als in der Startphase.“

Die Geschichte des friedvollen Marsches der Hunderttausend fand ein gutes Ende. Schon weit vor Delhi eilte den Demonstranten der zuständige Minister entgegen und ging auf ihre Forderungen nach Land und Zugang zu den Wäldern ein. Ekta Parishad beobachtet die Einhaltung der Zusagen weiterhin kritisch. Zum Zeitpunkt der Kölner Veranstaltung, drei Jahre nach dem Großereignis, waren immerhin 70 Prozent der Versprechen tatsächlich eingelöst. Der Fotograf Martin Bauer berichtet, dass Ekta Parishads Gründer Rajagopal nun für 2020 weltweite Märsche gegen Landraub plant: Um die Kraft der Gewaltfreiheit in einem viel größeren Maßstab aufzuzeigen, sollen von Indien zur UNO nach Genf, von Südamerika nach New York und einmal längs den afrikanischen Kontinent von Kairo nach Kapstadt erneut hunderttausende Demonstranten für ihre Rechte marschieren.

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