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Von Aleppo nach Beuel – durch lokales Engagement aus Krieg und Zerstörung in ein sicheres Leben

Benjamin Etzold 0 Asyl Bonn Einwanderung Flüchtlinge Flüchtlingshilfe Syrien

Täglich erfahren wir vom Elend und der Not der Tausenden, ja Millionen, Flüchtenden innerhalb von Syrien und in den Nachbarländern des seit drei Jahren umkämpften Landes. Angesichts der hohen Zahl und der Entfernung nach Syrien fühlen wir uns hier in Deutschland oft hilf- und auch mutlos. Man kann sein Mitgefühl zeigen und an große Hilfsorganisationen spenden, doch viele fragen sich, was sie denn selbst hier bei uns tun können. Wir, eine Gruppe von Aktiven, haben eine aus Syrien stammende Familie dabei unterstützt ihre Familienangehörigen nach Bonn zu holen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass persönliche Hilfe dringend notwendig ist und dankbar angenommen wird. Wir können hier das Leben von Flüchtlingen – trotz des erlebten Elends – wesentlich erleichtern.

grünes Notfallschild Mann rennt zum Ausgang

Im Frühjahr 2014 baten die Eheleute M., die seit mehr als 30 Jahren in Bonn leben, deren Kinder hier geboren und wie ihre Eltern mittlerweile deutsche Staatsbürger sind, unsere Beueler Initiative gegen Fremdenhass um Hilfe. Sie wollten ihre Schwester bzw. Bruder und deren Familien die Flucht hierher ermöglichen.

Beide Familien – ein Ehepaar mit einem nicht mal ein Jahr alten Sohn und ein Ehepaar mit drei Kindern zwischen 12 und 17 Jahren – hatten im Krieg ihre Lebensgrundlage verloren. Ihre Wohnhäuser in Aleppo wurden zerstört. Sie flohen aus der immer noch umkämpften Stadt und fanden bei Verwandten im Umland von Aleppo eine vorübergehende notdürftige Unterkunft. Die Kinder konnten nun aber nicht mehr die Schule besuchen. Es gab keine Arbeit. Auch dort waren sie nicht vor dem Kriegstreiben sicher. Der Alltag ohne Einkünfte und voller Gefahren war unerträglich geworden. Eine Flucht ins Ausland wurde zur einzigen verbliebenen Option.

Das Aufnahmeverfahren des Landes Nordrhein-Westfalen zugunsten syrischer Flüchtlinge sollte es in NRW lebenden syrisch-stämmigen Familien möglich machen, ihre Angehörige hierher zu holen. Das Land erklärte sich bereit, die Krankenkassenkosten zu übernehmen, die gesamten Kosten für Wohnung und Lebensunterhalt müssen aber von den aufnehmenden Familien übernommen werden. Darauf zielte der Hilferuf der Familie M., denn der Frührentner und seine Frau kommen selbst nur knapp über die Runden, da sich noch drei der vier Kinder in Schule und Ausbildung befinden.
„Verpflichtungserklärung“ hieß das erste Stichwort, mit der wir uns von der Beueler Initiative vertraut machten; manche kannten es bereits aus der Unterstützung für bosnische Flüchtlinge in den Neunziger Jahren. Will ich, kann ich, kann meine Familie eine so weitreichende Garantie für im Grunde Fremde abgeben? Nachdem die Suche nach Bürgen auch in der Lokalpresse bekannt gemacht wurde, wurden Mitte April 2014 die benötigten acht Bürgen gefunden, darunter auch der älteste Sohn der Familie. Die Bürgen verpflichteten sich gegenüber dem Land, dass die Familien keinen Antrag auf staatliche Sozialleistungen stellen und dem Staat so keine weiteren Kosten entstehen werden. Unterzeichnet – die erste Hürde war somit bewältigt.

Dies war das Signal für die beiden Familien, die zerstörte Heimat zu verlassen, die Grenze zur Türkei in einer Nacht- und Nebelaktion zu überqueren, sich nach Istanbul durchzuschlagen und dann dort auf die benötigten Ausreisevisa aus Deutschland zu warten. Das untätige und belastende Warten ohne wirkliche Unterkunft sollte viel länger dauern als angenommen, bis Ende Juli und Anfang August.

Während die Flüchtenden zu Untätigkeit gezwungen waren, entwickelte sich in Beuel fieberhafte Aktivität. Die Bürgen lernten sich kennen, schlossen sich mit weiteren Unterstützern und Unterstützerinnen zu einer solidarischen Gemeinschaft zusammen, die die entstehenden Lasten verteilen und durch das Gewinnen vieler Spenden verringern sollte. Auch dies gelang durch das Zutun vieler, die die Hilfsaktion bekannt machten, in Gesprächen im Freundeskreis, in Kirchengemeinden, in der Presse, mit Informationsständen und einem Benefizkonzert. So konnten binnen weniger Wochen über 20.000 Euro an Spenden gesammelt werden. Mit diesem Geld wurde eine Wohnung angemietet und eingerichtet, dringend benötigtes Geld wurde an die Familien in die Türkei geschickt, Visa-Gebühren und `Strafzahlungen´ sowie Flugtickets wurden bezahlt. Schließlich erhielten sie ihre Visa und konnten nach Deutschland ausreisen – die zweite Hürde war bewältigt.

Menschen begrüßen die Flüchtlinge bei einem Fest

Ende Juli und Anfang August konnten wir die beiden Familien endlich hier willkommen heißen. Lange nervenaufreibende und bange Wochen lagen hinter allen.

Wie schwierig dieser schmale reguläre Weg nach Deutschland ist, zeigen eindrucksvoll die Zahlen: 31.500 Interessenten gab es für das NRW-Programm. Davon wurden 11.000 geprüft. Aber nur 4.253 Bürgen erfüllten die Voraussetzungen. Bis Mitte August waren in NRW nur 648 Einreisen erfolgt. `Unsere´ acht zählten zu den wenigen Glücklichen!

Nachdem die Einreise geschafft war, begann für die Geflüchteten das Einleben im Alltag in Bonn. Begleitet durch ihre Verwandten und die Aktiven, machten sich die Neuankömmlinge mit ihrer Wohnung, mit Verkehrsverbindungen, Einkaufsmöglichkeiten vertraut. Die Kinder wurden in internationale Klassen aufgenommen, und auch die Erwachsenen begannen Deutsch zu sprechen, verstehen und schreiben zu lernen. Weitere Amtsgänge waren erforderlich, um eine Krankenversorgung und die Aufenthaltserlaubnis mit Arbeitserlaubnis zu erhalten. Auch die Teilnahme an einem Integrationskurs wurde genehmigt, im Januar 2015 soll dieser beginnen.

Der Alltag in Deutschland ist gesichert, doch damit ist noch längst nicht alles gut: Die Kinder tragen die Last der schlimmen Kriegserfahrungen in sich, sie bangen ebenso wie die Eltern um in Syrien zurückgelassene Freunde und Verwandte. Und die Erwachsenen sind unendlich dankbar für die große Unterstützung, doch sie wollen nicht zu lange auf die Spendenbereitschaft angewiesen sein: Der Möbeltischler, der Schuhmacher und die beiden Frauen ohne berufliche Ausbildung wollen selbst Geld verdienen, um ihr Selbstwertgefühl zurückzuerhalten.

Bis die Familien finanziell unabhängig sind, werden die Aktiven der Unterstützungsaktion weiter um große und kleine, einmalige oder wiederkehrende Spenden werben und Jobmöglichkeiten suchen. Der Lohn für diese Arbeit sind breite Zustimmung, Anerkennung, Dank von vielen Seiten und das Erleben, aus gemeinsamer Kraft diesen acht Menschen geholfen zu haben.

Die bittere Seite ist: Nur acht Menschen konnten wir helfen. Über 3,3 Millionen Syrer sind auf der Flucht. Über 9 Millionen weitere Menschen aus dem Irak, aus Somalia, Eritrea, dem Sudan oder anderen Ländern flohen vor Verfolgung, Krieg und auch Hunger in ein anderes Land. Für Sie gibt es keinen legalen Weg in das europäische Asylsystem. Ein von Schleppern organisierte illegale Einreise nach Europa kostet bis zu 10.000 Euro – und zu viele Menschenleben. 2013 sind in Deutschland 127.000 Asylanträge gestellt worden, doch nur 6.000 von 37.000, d.h. 16%, der bearbeiteten Fälle wurden positiv entschieden.

Es ist wichtig und richtig, dass Familien ihre Angehörigen aus Syrien nach Deutschland holen können. Und es ist entscheidend, dass sie mit dieser Aufgabe nicht alleine gelassen werden, sondern tatkräftige Unterstützung von Aktiven, karitativen Einrichtungen und Kirchengemeinden bekommen. Doch der Staat sollte nicht aus der Verantwortung gelassen werden. Die Flüchtlingshilfe darf nicht „privatisiert“ werden. Bürokratische Hürden müssen abgebaut, die Verfahren beschleunigt und mehr Anträge positiv entschieden werden. Die finanzielle Unterstützung von Flüchtlingen muss schlichtweg umfangreicher werden. Und viele Familien, die Verpflichtungserklärungen unterschrieben haben aber kein großes Unterstützernetzwerk hinter sich wissen, geraten durch ihre Garantien selbst in finanzielle Schwierigkeiten. Der Staat darf auch hier nicht wegschauen und die Flüchtlingshelfer alleine lassen. Es bleibt viel zu tun – und einzufordern.

Benjamin Etzold, Susanne Rohde

 

 

Weiterführende Links

Einzelheiten über die Familien, die Schwierigkeiten bei der Flucht nach Deutschland, über den Beueler Unterstützerkreis, die bisherigen Spenden und Ausgaben, Möglichkeiten zu spenden und konkret zu helfen entnehmen Sie bitte dem

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