Warum wir auch im Jahr 2020 unbedingt noch über das Thema Sklaverei sprechen müssen

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Anlässlich des Internationalen Tages der Abschaffung der Sklaverei berichten Tina Haupt (WEED e.V.) und Uwe Kleinert (Werkstatt Ökonomie e.V.) in einem Interview über moderne Formen der Sklaverei. Im September 2020 haben sie die Fachkonferenz „Natursteine aus verantwortlichen Lieferketten“ in Stuttgart organisiert. Die Interviewfragen wurden von den Befragten gemeinsam und in schriftlicher Form beantwortet.

Eine Person pflastert Steine. Foto: photocase
Ein Großteil des Abbaus der Natursteine findet in Ländern statt, in denen oft sehr schlechte Arbeitsbedingungen weit verbreitet sind. Foto: photocase

Heute ist der „Internationale Tag der Abschaffung der Sklaverei“ – trotzdem gibt es immer noch Formen der Zwangsarbeit. Wie sehen diese aus und warum ist Sklaverei noch immer nicht beseitigt?

Auch heute noch sind Männer, Frauen und Kinder auf der ganzen Welt Opfer moderner Sklaverei. Sie werden auf öffentlichen Märkten ge- und verkauft, gegen ihren Willen verheiratet, unter dem Deckmantel der „Heirat“ als Arbeitskräfte missbraucht. Sie werden gezwungen, in geheimen Fabriken mit dem Versprechen einer Entlohnung zu arbeiten, die ihnen aber immer wieder vorenthalten wird. Sie werden gezwungen auf Baustellen, in Läden, auf Bauernhöfen oder in Häusern als Dienstmädchen zu arbeiten.

Nach Angaben der Walk Free Foundation waren 2016 schätzungsweise 40,3 Millionen Männer, Frauen und Kinder Opfer moderner Sklaverei, 24,9 Millionen von ihnen in Zwangsarbeit und 15,4 Millionen in einer Zwangsehe. Frauen und Mädchen sind stark überrepräsentiert und machen 71 Prozent der Opfer aus.

Besonders verbreitet ist moderne Sklaverei in Indien (mit mehr als 18 Millionen versklavten Menschen) sowie China (3,14 Millionen) und Pakistan (2,1 Millionen). Aber auch in den Industrieländern leben insbesondere Frauen als Zwangsprostituierte unter sklavereiähnlichen Umständen.

Eine spezifische Form moderner Sklaverei ist Schuldknechtschaft, von der auch Millionen Kinder betroffen sind. Dazu kommt es, wenn beispielsweise Bauernfamilien in einer Notlage bei unseriösen Geldverleihen - meist zu horrenden Zinsen - Kredite aufnehmen, um etwa Saatgut oder andere lebenswichtige Dinge zu kaufen. Als Gegenleistung verlangen die Geldgeber, dass die Familien die Schulden abarbeiten.

Die Gründe dafür, dass solche Formen der Sklaverei noch immer existieren, sind vielfältig. Menschen kennen beispielsweise ihre Rechte nicht und wissen nicht, wie sie diese einfordern können. Das kann aufgrund fehlender Bildung der Fall sein oder weil sie als Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete in ein fremdes Land gekommen sind und die Sprache nicht verstehen. Oft wird jegliche Form von Zusammenschluss der Arbeitenden unterbunden, um das Entstehen von Gewerkschaften zu verhindern. Ein weiteres Problem sind fehlende Kontrollen geltender Gesetze, die das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit und die Einhaltung von Standards garantieren.

Wie sieht die Situation bei der Produktion von Naturstein aus? Wird in Deutschland – privat oder als öffentliche Beschaffungsstelle – Naturstein eingekauft, der aus Zwangsarbeit stammt?

Ein Großteil des Abbaus der Natursteine findet in Ländern statt, in denen nach Einschätzung der International Trade Union Confederation (ITUC) sehr schlechte Arbeitsbedingungen weit verbreitet sind, zum Beispiel in China, Indien, der Türkei oder Brasilien.

Der Trend in der Natursteingewinnung und -verarbeitung geht aber von der Handarbeit zur industriellen Fertigung. Dadurch nimmt zumindest die Präsenz der Kinderarbeit in Steinbrüchen ab. Von Steinbruch zu Steinbruch sowie zwischen den Verarbeitungsbetrieben gibt es aber große Unterschiede.

Vor allem für Steine aus Indien ist Kinderarbeit nicht völlig auszuschließen. Häufig sind Familien auf ein zusätzliches Einkommen der Kinder angewiesen. Auch die Modernisierung von Betrieben ist kein Garant für die Beendigung von Kinderarbeit. Aber auch die Arbeitsbedingungen für erwachsene Angestellte sind alles andere als akzeptabel: niedrige Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns, unsichere und ungesunde Arbeitsbedingungen durch hohe Staubbelastung, fehlende Sicherheitsmaßnahmen, extreme Temperaturen und ein Mangel an Trinkwasser.

Die Situation in China ist besser, doch auch in vielen chinesischen Unternehmen gibt es erhebliche Missstände, die denen in Indien ähneln. Zudem werden indische Steine teils in China weiterverarbeitet und kommen so als „chinesisches“ Material zu uns.

Der Handel mit Naturstein erstreckt sich über den gesamten Globus. Das macht es für private Verbraucher aber auch öffentliche Beschaffungsstellen sehr schwierig, Zwangs- oder Kinderarbeit auszuschließen. Baumärkte bieten nur selten zertifizierte Ware an, Kommunen entscheiden bei der Beschaffung beziehungsweise dem Bau mit Natursteinen zu oft nach dem Preis. So fällt die Wahl oft auf die asiatischen Steine.

Woran kann man sich beim Einkauf orientieren, um das Risiko von Sklaverei und Zwangsarbeit zu reduzieren und sich für eine gerechte Lieferkette einzusetzen?

Es ist essenziell, bei der (öffentlichen) Auftragsvergabe die Einhaltung sozialer Standards zu fordern. Die Anforderungen unterteilen sich zum einen in Anforderungen an die Produktion und zum anderen in Anforderungen an den Nachweis. Denn nur, wenn umfassende Anforderungen an beides gestellt werden, kann nachhaltig zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen beigetragen werden.

Für alle Anwendungsbereiche und Vergabearten können Gütezeichen zur Nachweisführung angewendet werden und sind daher eine gut anwendbare Nachweismethode. Weitere Informationen dazu finden Sie beispielweise in der Studie zur Natursteinkonferenz (siehe unten).

Kommunen und Privatkunden können außerdem heimischen Steinen den Vorzug geben. So wird auch der CO2-Fußabdruck minimiert, der bei Steinen aus Asien aufgrund der langen Transportwege sehr hoch ist. Weitere Informationen finden Sie bei den untenstehenden Links.

Kontakt

Ann-Kathrin Voge
Telefon +49 228 20 717-158
ann-kathrin.voge@engagement-global.de

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