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Welttoilettentag

Thilo Panzerbieter 0 17Ziele Globales Lernen Wasser Welttoilettentag

Heute ist der Welttoilettentag, offizieller Welttag der Vereinten Nationen seit 2013. Weltweit leben 4,2 Milliarden Menschen ohne sichere Sanitärversorgung, 673 Millionen Menschen verrichten ihre Notdurft sogar im Freien – das sind fast 10 Prozent der Weltbevölkerung. Dieser Umstand stellt nicht nur eine Verletzung der Menschenwürde dar, er bringt auch verheerende Folgen für Gesundheit, Umwelt und Bildung mit sich. Die German Toilet Organization setzt sich daher weltweit für eine verbesserte Sanitärversorgung und Hygiene ein. Wir haben mit Thilo Panzerbieter, Gründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, gesprochen.

Eine Schülerin trägt einen weißen Overall und sitzt dabei auf einer Toilettenschüssel mitten auf dem Potsdamer Platz in Berlin
Zum Welttoilettentag machten Schülerinnen und Schüler in Berlin auf die schlechte sanitäre Grundversorgung in vielen Region der Welt aufmerksam. Foto: Delia Wöhlert

Engagement Global fördert aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) seit vielen Jahren die Arbeit der German Toilet Organization (GTO). Das Bildungsprojekt „Klobalisierte Welt“ wird unter anderem von dem Förderprogramm Entwicklungspolitische Bildung von Engagement Global unterstützt. Zusätzlich bietet die GTO Fortbildungsseminare für andere Nichtregierungsorganisationen (NROs) zu Sanitärversorgung, Hygiene und Wasser an. Gefördert werden diese Seminare von Programm zur Förderung entwicklungspolitischer Qualifizierungsmaßnamen von Engagement Global.

Anlässlich des Welttoilettentags wollten wir von Thilo Panzerbieter, Gründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, mehr über die Arbeit der Organisation erfahren.

Engagement Global: Wie „feierte“ die German Toilet Organization (GTO) den Welttoilettentag 2019?

Thilo Panzerbieter: Gemeinsam mit Berliner Schülerinnen und Schülern haben wir das Schweigen rund um das „Stille Örtchen“ öffentlichkeitswirksam gebrochen. Auf dem Potsdamer Platz – im Herzen Berlins – stand gestern eine selbstgebaute, „mangelhafte“ Toilette, die den schlechten Zustand der sanitären Grundversorgung in vielen Regionen der Welt erlebbar machte. Verdutzte Passantinnen und Passanten wurden Flaschen mit verdrecktem Wasser gereicht. An einer eigens errichteten „Speakers Corner“ riefen die Schülerinnen und Schülern ihre Forderungen von einem „Klo-Pult“ den Menschen zu. Es wurden Flyer verteilt und in der Niedersächsischen Landesvertretung fand eine Schüler*innen-Pressekonferenz statt.

Die Aktion ist Teil unseres entwicklungspolitischen Bildungsprojekts „Klobalisierte Welt“: In eintägigen Projekttagen haben die Schülerinnen und Schüler des Werner-von-Siemens-Gymnasiums, der John-F.-Kennedy Schule und des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums sich mit dem Thema auseinandergesetzt und eigene Ideen für pressewirksame Aktionen am Welttoilettentag entwickelt und umgesetzt.

Eine Schulgruppe hält ein Banner in die Kamera mit der Aufschrift "Lass uns zusammen die Welt retten - Toiletten sind ein Menschenrecht"
Die Aktion der Schülerinnen und Schüler war Teil des entwicklungspolitischen Bildungsprojekts Klobalisierte Welt. Foto: Delia Wöhlert

Engagement Global: Wie ist die Resonanz auf solche öffentlichen Aktionen?

Thilo Panzerbieter: Die Presse liebt das Spiel mit diesem scheinbar banalen, tabubehafteten Thema, welches provozierende Wortspiele erlaubt und dennoch unerwartete Tiefe mit sich bringt. Auch die Politik nimmt unsere Einladung zu solchen Anlässen gerne an. So war beispielsweise vor einem Jahr am Welttoilettentag Norbert Barthle, der Parlamentarische Staatssekretär des BMZ, dabei und es wurde sogar in der Tagesschau darüber berichtet.

Die Schülerinnen und Schüler erleben Selbstwirksamkeit. Sie machen von ihrem Demonstrationsrecht gebrauch, setzen neues Wissen kreativ um und erfahren wie Pressearbeit funktioniert. Wenn wir in einem Nachbesuch an den Schulen die gemeinsamen Presseberichte, Grußworte aus der Politik oder den selbstgemachten Film der Aktion ansehen, sind viele stolz auf das gemeinsam erreichte. Ich glaube, dass die wahre Wirkung des Projekts sich erst hier entfaltet – wenn Jugendliche erfahren, was ihr soziales Engagement bewirken kann.

Engagement Global: Wie kam es zu der Projektidee? Gibt es da keine „Berührungsängste“ mit dem Thema bei den Schülerinnen und Schülern?

Thilo Panzerbieter: Wir gründeten die GTO in 2005, um die Sanitärversorgung in einkommensschwachen Regionen der Welt zu verbessern. Schon kurz danach erhielten jedoch wir die ersten Zuschriften von Schulen in Deutschland, die auf ihre eigenen Schultoilettenprobleme hinwiesen. Wir sahen hier ein Potential. „Klobalisierte Welt“ knüpft an die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler an, um einen Perspektivwechsel einzuleiten: Wie wäre mein Leben ohne Trennwände, ohne Wasser, Seife oder Toilette? Welche Folgen hätte dieses für mein Leben, mein Umfeld, die Gesellschaft? Das Toiletten-Tabu macht das Thema spannend, die globalen Zusammenhänge überraschen. Gleichwohl kann man dabei unser System in Deutschland hinterfragen. Schließlich verwenden wir Trinkwasser, um unsere Exkremente wegzuspülen – nicht besonders nachhaltig.

Da wir unsere Wirkung steigern wollen, bieten wir seit kurzem auch Lehrkräfte-Fortbildungen und Unterrichtsmaterialien an. Hiermit hoffen wir endlich auch Schülerinnen und Schüler im ganzen Bundesgebiet zu erreichen. Wir würden uns freuen, wenn dieses Interview dazu führt, dass Leserinnen oder Leser von diesem Angebot erfahren.

Engagement Global: Engagement Global fördert die Arbeit der GTO auch über das PFQ, dem Programm zur Förderung entwicklungspolitischer Qualifizierungsmaßnahmen. Hier bietet die GTO Fortbildungsseminare für andere NROs und deren Fachpersonal an. Warum sind solche Seminare notwendig?

Thilo Panzerbieter: Auch hier waren Anfragen an unseren Verein der Ursprung der Idee. Wir erhielten Zuschriften und Anrufe von anderen NROs, die im Rahmen ihrer Auslandsprojekte Toiletten implementieren wollten. Oftmals wurden wir gebeten: „Schickt uns bitte einen Bauplan“. So einfach ist das aber nicht…

Partizipation der Betroffenen ist bei diesem Thema essentiell wichtig und gleichzeitig eine Herausforderung. Wie thematisiert man ein Nutzungsverhalten, was sich hinter einem Tabu und einer verschlossenen Tür verbirgt? Manche wollen bei der Nutzung hocken, andere sitzen; einige waschen sich, andere nutzen Toilettenpapier; bei manchen ist es wichtig, dass Mann und Frau nicht unter einem Dach aufs Klo gehen, für manche spielt die Himmelsrichtung eine Rolle. So unterschiedlich wie die Nutzungsweisen, sind auch die technischen Möglichkeiten: ob mit oder ohne Spülung, mit oder ohne Urintrennung, mit oder ohne Wiederverwertung von Ressourcen wie Dünger oder Biogas. Die optimale Lösung wird auch durch lokal verfügbare Baumaterialien, lokale Gesetze und von den Methoden der Hygiene- und Verhaltensänderung beeinflusst. Unsere Seminare geben hier umfangreiche Orientierung.

Engagement Global: Wie ist die Resonanz der Zielgruppe?

Thilo Panzerbieter: Ursprünglich schufen wir die Seminare für kleine Organisationen, die über wenig bis keine Auslandserfahrungen verfügten. Es zeigte sich aber sehr schnell, dass auch viele große Träger das Angebot sehr gerne annehmen, um die Qualität ihrer Maßnahmen zu sichern. Manche Förderer schicken ihre Antragsteller sogar aktiv zu uns. Auch Studierende nehmen gerne teil, um einen praktischen Einblick neben dem Studium zu erlangen.

Wir bietet in der Zwischenzeit Seminare für eine Vielzahl von Themen: „Wasser“, „Hygienepromotion und Verhaltensänderung“, „Sanitärversorgung“ (vier verschiedene Seminare: Grundlagen, Aufbau, im urbanen Kontext, in der Übergangs- und Nothilfe) und „Monitoring & Evaluation“. Die gute Resonanz führen wir zurück auf unseren Mix aus Vorträgen, interaktiven Gruppenübungen, jeweils gespickt mit zahlreichen Praxisbeispielen. Ein Besuch der Seminare ist auch für Interessierte anderer Themengebiete der Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll – viele der Methoden lassen sich gut auf andere Themen übertragen.

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