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Wo Milch und Honig fließen - Ein geführter Gang durch Oberbilk

Tina Adomako 0 Asyl Bildung trifft Entwicklung Düsseldorf Einwanderung Flüchtlinge Flüchtlingshilfe

 

Sie wiederholen sich, diese schlimmen Nachrichten im Fernsehen: immer wieder ertrinken mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer. Als ich bei herrlichstem Sonnenschein vom Düsseldorfer Süden nach Oberbilk radele, klingen noch die Worte des Premiers von Malta in meinen Ohren, der neulich in den TV-Nachrichten ganz Europa anklagte. Die Straßencafés sind voll, überall gut gelaunte Menschen. An Krieg und Katastrophen denken die wohl gerade nicht. Doch ich habe die schrecklichen Bilder im Kopf, wohl auch weil ich gerade auf dem Weg bin, mir einen Audio-Guide abzuholen, mit dem ich die ganz persönliche Geschichte eines Flüchtlings hören werde.

 

 

Boxring in einem Boxstudio

Die Dramaturginnen Charlott Dahmen und Karin Frommhagen haben ein Theaterprojekt konzipiert, mit dem das aktuelle Thema Flucht begreifbarer gemacht werden soll. Dabei sollen Theaterbesucher und Besucherinnen jeder für sich alleine den Weg eines Flüchtlings gehen. Ein wenig eingeweiht bin ich schon, so weiß ich, dass Schauspieler in verschiedene Rollen schlüpfen und an verschiedenen Orten Teil der Geschichte werden. Doch wie das Ganze tatsächlich funktionieren soll, will ich heute am eigenen Leib bzw. Ohr herausfinden.

Treffpunkt ist ein Boxstudio in einer Straße hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Komisch, obwohl ich seit über 20 Jahren in Düsseldorf lebe und schon öfters durch Oberbilk geradelt bin, ist mir das Studio noch nie aufgefallen. Versteckt in einem Hinterhof finde ich es und platze mitten in eine Probe herein. Drei Menschen springen im Ring herum, gehen aufeinander zu und sich aus dem Weg. Ich kapiere nach kurzer Zeit, dass sie einen Asylsuchenden, einen Dolmetscher und eine BAMF-Beamtin darstellen. Warum er nach Deutschland wolle und was er denn überhaupt von der deutschen Kultur kenne, brüllt die Beamtin. Der hier auf Asyl Hoffende ist Musiker, er schätzt Brahms, musiziert auch gerne selber, doch natürlich darf er nirgendwo als Musiker auftreten. Als Zuschauerin verstehe ich sofort, dass es sich hier um einen Kampf handelt: den Kampf um Anerkennung, den Kampf um ein Bleiberecht, den Kampf, als Mensch wahrgenommen und respektiert zu werden.

Es ist ein Kampf, den fast alle Flüchtlinge führen, denn in den seltensten Fällen werden sie mit offenen Armen in Deutschland begrüßt. Das Projekt „Dorthin wo Milch und Honig fließen“ möchte einen kleinen Geschmack davon geben, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Warum ein Mensch flieht, wie er hierher kommt, was für Erfahrungen Flüchtlinge machen, wie mit ihnen umgegangen wird …

Eckhauses mit Wandmalerei: „La condition humaine“

Vier Flüchtlinge aus vier unterschiedlichen Krisengebieten teilen ihre Geschichte mit den Theaterbesuchern. An diesem sonnigen Montagnachmittag ist es Sami, der mich mit auf eine Hörreise durch sein Leben nimmt. Auf dem obersten Deck eines Parkhauses hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof startet der audiogeführte Theatergang, hier beginnt Sami seine Geschichte zu erzählen. Die riesige Fläche des obersten Parkdecks ist komplett leer, kein einziges Auto, kein Mensch weit und breit, die Sonne knallt auf den Beton. Mir ist einen Moment lang nicht ganz geheuer - obwohl ich mitten in der City bin. So ähnlich, denke ich, ist es auf dem weiten Meer, wenn kein anderes Boot in Sicht ist und man nicht weiß, wohin genau die Reise geht.

Samis Erzählstimme ist warm und freundlich, wenn er von seiner Kindheit und Jugend im Irak erzählt und mich gleichzeitig durch das Parkhaus nach draußen führt. Ich folge seinen Wegweisungen, die mich in die Ellerstraße führen, und nehme dort, weil er mich darauf aufmerksam macht, zum ersten Mal die Wandmalerei an der Fassade eines Eckhauses war: „La condition humaine“ steht über dem Bild. Genau darum geht es, denke ich. Die menschliche Würde.

Bäume mit rosa Kirschblüten in Düsseldorf

Sami und seine Geschichte begleiten mich weiter - in eine Konditorei, zu einem schönen Garten, an einer Schneiderei vorbei. Derweil erzählt er von seiner Familie, von seinen Freunden, von seinem Musikstudium. Doch dann gibt es Krieg, und Sami erzählt auch davon und von schlimmen Erfahrungen, die er und seine Familie gemacht haben. Es gibt Tote zu betrauern, und während er das erzählt, leitet er mich zu einem Bestatter. Am Ende ist die Situation für ihn im Irak lebensbedrohlich. Mit einem Freund flüchtet er nach Europa. Währenddessen biege ich falsch ab und finde daher die Orientierungshilfe, die Sami gerade beschreibt, nicht. Ich fühle mich auf einmal verloren - und das, obwohl ich den Stadtteil relativ gut kenne. Doch nach dem Weg kann ich nicht fragen, denn außer mir weiß ja keiner von den Passanten, wohin Sami mich leiten will. Ich muss also ganz alleine den richtigen Weg finden.

Ich gehe weiter durch das Viertel und versuche, die Plätze, Parks und Geschäfte durch Samis Augen zu betrachten. Als ich an einen kleinen Platz mit blühenden Kirschbäumen vorbeikomme, muss ich an die Maulbeerbäume denken, von denen er am Anfang erzählte.

Von Holland aus schlägt Sami sich durch nach Deutschland. Hier angekommen muss er sich erst mit der Bürokratie auseinandersetzen. Vieles versteht Sami nicht, vieles ist fremd, die erste Zeit im gelobten Land ist alles andere als rosig. Doch er begegnet auch Menschen, die ihm helfen. Samis Geschichte geht gut aus. Er darf bleiben. Am Ende führt er mich in ein typisches orientalisches Café, in dem ältere Männer vor Brett- und Kartenspielen sitzen und ich mir einen leckeren Minztee bestelle. Heute bin ich alleine unterwegs, aber hier in diesem Café werden die fünf Flüchtlings-Geschichten zusammenkommen, hier werden sich die Theater-Gänger am Ende alle treffen, hier können Erfahrungen ausgetauscht und vielleicht sogar konkrete Handlungsmöglichkeiten ersonnen werden.

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