Kinderrechte stärken mit indigenem Wissen

Josephine Wragge 0 Bildung Entwicklungszusammenarbeit Kinderrechte

Am 20. September begeht Deutschland den Weltkindertag unter dem Motto „Kinderrechte jetzt“. Auch in anderen Ländern braucht es starke Kinderrechte. Zu denen gehört der Anspruch auf eine nachhaltige Umwelt ebenso wie der Schutz vor Gewalt. In Peru und Bolivien setzt sich dafür gemeinsam mit ortsansässigen Partnern terre des hommes Deutschland ein. Wir sprachen mit Josephine Wragge über das Projekt und die Arbeit von terre des hommes Deutschland.

Porträt Jospehine Wragge
Jospehine Wragge. Foto: terre des hommes Deutschland

1. Frau Wragge, Sie arbeiten als Referentin mit dem Schwerpunkt Lateinamerika bei der Kinderrechtsorganisation terre des hommes Deutschland. Heute ist Weltkindertag in Deutschland – in welchem Land steht es derzeit am besten um die Rechte von Kindern?

In allen Ländern gibt es noch Handlungsbedarf, um die Rechte von Kindern erfolgreich umzusetzen. In der Region Lateinamerika haben sich im Zuge der Coronapandemie und weiteren politischen, sozialen und ökonomischen Krisen die Risiken für Kinder und Jugendliche leider vielerorts erhöht. Unter anderem haben zum Beispiel die Raten häuslicher und sexualisierter Gewalt insbesondere gegen Kinder, Jugendliche, junge Frauen, LGTBIQ+ und Minderheiten in fast allen Ländern der Region zugenommen. Auch die Zahl der Kinder, die die Schule abbrechen und arbeiten müssen, um ihre Familien zu unterstützen, ist deutlich gestiegen. Durch Covid-19 bedingte Einkommenseinbußen, aber auch durch die zunehmenden negativen Auswirkungen der sich verschärfenden Klimakrise (etwa Wetterextreme, menschengemachte Naturkatastrophen, Ernteeinbußen), ist die Ernährungssicherheit vieler Familien in Gefahr und Kinder leiden vermehrt unter der Umwelt-, Luft- und Wasserverschmutzung. Somit werden insbesondere die in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Rechte von Kindern auf einen effektiven Schutz vor Gewalt, das Recht auf Bildung, auf ausreichend gesunde Ernährung, sauberes Wasser und insgesamt das Recht auf eine gesunde, intakte Umwelt auch für die zukünftigen Generationen weiter kontinuierlich verletzt.

In den Projektländern Peru und Bolivien gab es in den letzten Jahren bereits wichtige Fortschritte im Bereich der Anerkennung interkultureller, multilingualer Bildung, die auch indigenes Wissen und Praxis dieser sehr diversen Länder aktiv integrieren. Projekte wie dieses unterstützen diese Prozesse von Seiten der Zivilgesellschaft, in guter Zusammenarbeit mit den staatlichen Bildungsbehörden. Wichtig ist, dass das Projekt Maßnahmen zu Umwelt- und Klimaschutz und interkultureller Bildung mit Aktionen zu Gewaltprävention verbindet, um den beschriebenen Problemlagen effektiv zu begegnen.  

2. Welche der Maßnahmen ließen sich Ihrer Meinung nach gut auf andere Länder übertragen?

Eine spannende Maßnahme, nach der auch das Projekt im spanischen Titel benannt ist, sind die sogenannten „Warmiñan“ (auf Quechua „der Weg der Mädchen und Frauen“). Das sind geschützte Räume für das Empowerment von Mädchen und Frauen, die sowohl der Aufarbeitung und progressiven Heilung von Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen als auch des gemeinsamen Austauschs und der gegenseitigen Stärkung dienen. Das Ziel ist, dass Mädchen und Frauen wieder auf „ihren eigenen Weg finden“, indem sie sich in erster Linie mit sich selbst, der Natur und den anderen Frauen verbinden. Hier wird kulturelles Wissen aktiv gelebt und angewandt, mit dem Kennenlernen nach andiner Weltsicht (Kosmovision) heiliger Orte in der Natur (zum Beispiel Berglagunen oder Flüsse) und kultureller Stätten, dem Durchführen von gemeinsamen Ritualen sowie Gesprächs-, Austausch und Coaching-Momenten. Obgleich in den anderen Maßnahmen vorwiegend inklusiv mit beiden Geschlechtern (und Personen LGTBIQ+) zum Thema Genderperspektive und Gewaltprävention gearbeitet wird, sind aufgrund der spezifischen Diskriminierungs- und häufigen Gewalterfahrungen auch diese separaten Räume wichtig.

In den ersten internen Projektevaluierungen haben die beteiligten Mädchen und Frauen vor allem diese Aktivität bisher als sehr wertvoll empfunden. Sie gaben an, neben oft überlastender Haushaltsarbeit und täglichen Verpflichtungen, endlich auch Zeit für sich und den geschützten Austausch mit anderen Frauen zu haben und fühlen sich bereits gestärkt. Ähnliche Empowerment-Spaces / geschützte Räume, die sehr sensibel auf den jeweiligen kulturellen Kontext eingehen, lassen sich sicher in vielen Kontexten auch in anderen Ländern schaffen.

3. Welchen Ansatz verfolgt terre des hommes, um die Rechte von Kindern weltweit zu stärken?

Ein zentraler Ansatz unserer Arbeit ist die Förderung des in erster Linie in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Rechts auf Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Viel mehr als nur als „Zielgruppe“, sehen wir Kinder und Jugendliche als Akteur*innen, die eigenständig Lösungen für Probleme und Herausforderungen in ihrem jeweiligen Kontext erarbeiten und voranbringen und gesellschaftliche Prozesse aktiv und entscheidend mitgestalten und prägen. In diesem Sinne möchten wir insbesondere die Kapazitäten der Kinder und Jugendliche zur Selbstorganisation sowie ihre soziale und politische Teilhabe und Einflussnahme stärken. Das gilt für jeden Themenbereich, in dem ein spezifisches Projekt angesiedelt ist, sei es im Bereich Recht auf eine gesunde Umwelt, Gewaltprävention und Förderung einer Friedenskultur, Migration und Flucht, Kinderarbeit oder weitere Themen zu denen wir mit unseren Partnern arbeiten.

Gleichzeitig ist uns das „wie“ sehr wichtig. Wir führen Projekte nicht selbst durch, sondern arbeiten mit Nichtregierungsorganisationen und Netzwerken der lokalen Zivilgesellschaft zusammen. Im Dialog mit den Partnern und einem von terre des hommes begleiteten internationalen Jugendnetzwerk entscheiden wir gemeinsam die strategischen Ziele und damit einhergehenden Haupt-Handlungsfelder und Aktionen unserer Organisation. Grundlage hierbei sind sowohl die spezifischen lokalen Bedürfnisse in den einzelnen Projektländern als auch die aktuellen globalen Herausforderungen.

Es geht also in erster Linie um die partnerschaftliche Unterstützung der lokalen Zivilgesellschaft und die Stärkung der Rolle von Kindern und Jugendlichen als Akteur*innen der Zivilgesellschaft. Nur so erscheint uns Entwicklungszusammenarbeit mittel- und langfristig nachhaltig, kohärent und sinnvoll.

4. Wie ist das konkrete Projekt in Peru und Bolivien entstanden? Auf welchen Grundlagen baut es auf?

In der Tat baut das Projekt auf spannenden Erfahrungen und Ergebnissen aus Vorläufer-Projekten auf. Der Projektpartner Ceprosi in der Region Cusco in Peru ist bekannt für die Umsetzung und das Voranbringen von good practices zu interkultureller Bildung, kulturellen Rechten und Umwelt- und Klimaschutz an Schulen und Gemeinden der Region und ist hierzu auch gut mit dem Bildungsministerium und den lokalen Bildungsbehörden vernetzt. Vor Jahren entwickelte die Organisation ein zeremonielles Austauschtreffen und Saatgut-Festival nach andiner Kosmovision (das sogenannte Watunakuy). Bei diesem Fest zum Zelebrieren der Artenvielfalt und dem Austausch von Saatgut spielen Kinder und Jugendliche mittlerweile die anleitende Hauptrolle. Die Projektorganisation Ayni in Bolivien hat langjährige Erfahrung im Bereich Gewaltprävention sowie genderbasierter und sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und baut seit einiger Zeit auch ihre Arbeit zu kulturellen Ansätzen wie dem „Buen Vivir“-Ansatz und dem Recht von Kindern und Jugendlichen auf eine gesunde Umwelt aus.

In Lateinamerika haben wir in den letzten Jahren spezifisch darauf geschaut, wie unsere Projektorganisationen in ihrer Erfahrung, fachlichen Expertise und methodischen Ansätzen voneinander lernen und ihre Arbeit gegenseitig bereichern und gemeinsam thematisch arbeiten können. In diesem Sinne soll mit dem Projekt eine anfänglich bestehende Verbindung der Partner über unsere Partnerplattformen vertieft und eine neue Vernetzungsstruktur zwischen beiden und weiteren Organisationen aufgebaut werden. Konkret geht es in erster Linie darum, die Themen interkulturelle Bildung, Buen Vivir, Kinderrecht auf eine gesunde Umwelt / Umwelt- und Klimaschutz mit den Aspekten Gender und Gew altprävention zu verbinden.

5. Warum ist die Einbindung indigenen Wissens und indigener Weltsicht so zentral, wenn Maßnahmen zur Stärkung von Kinderrechten in diesen Ländern erfolgreich sein sollen?

In den meisten, der nach wie vor stark vom kolonialen Erbe geprägten lateinamerikanischen Gesellschaften wurde indigenes Wissen und Praxis leider lange absolut fälschlicherweise als minderwertig degradiert und diskriminiert, obgleich indigene Weltsichten unheimlichen kulturellen Reichtum und seit jeher innovative Antworten auf lokale und weltweite Probleme und Herausforderungen bieten – wie aktuell die globale Klimakrise. Dies beginnt mit dem Grundverständnis, dass die Natur, die Erde („Pachamama“) als oberste Einheit Matrix allen Lebens ist und über eigene Rechte verfügt, und von der wir als Menschen nur ein kleiner Teil sind. Die Pachamama wird als lebendiges Wesen zuallererst respektiert und Wert geschätzt und auf keinen Fall als „Ressource“ ausgebeutet. Dies führt schon an sich zu einem radikal anderen Verhalten, was den Umwelt- und Klimaschutz ganz automatisch und natürlich integriert. Darüber hinaus gibt es eine Vielfalt an technischem Wissen zum Schutz und Erhalt der Biodiversität.

Des Weiteren haben das am Leben halten und die aktive Weitergabe von kulturellem, indigenen Wissen auch einen inhärenten Wert an sich (für die Kinder und Jugendlichen, zukünftigen Generationen und die gesamte Menschheit). Nicht nur haben die Kinder und Jugendliche ein international anerkanntes Recht darauf, es stärkt sie auch. Die Projektergebnisse zeigen, dass die Kinder und Jugendliche sich nicht nur mit großer Neugier und Leidenschaft kulturelles Wissen zur Bepflanzung der traditionellen chakra (Feldarbeit), Tier- und Pflanzenreichtum, heiliger Stätte und Naturorte, traditionelles Kunsthandwerk, Musik, Tänzen und weiteres aneignen, sondern sich auch ihre gesamten schulischen Leistungen verbessern. Die Kinder der Schulen, an denen beispielsweise Ceprosi aktiv ist, gewinnen seit Jahren nationale Preise des Bildungsministeriums für außerordentliche schulische Leistungen. Darüber hinaus bringen sie sich als Akteur*innen in ihren Gemeinden ein und fordern auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene ihre Rechte als Kinder und Jugendliche ein. Das Praktizieren ihrer Kultur stärkt ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, um sich frei zu entfalten, ihr Potenzial auszuschöpfen und ihre Kinderrechte zu verwirklichen.  

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